Die Wilhelma in Stuttgart ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und einer der artenreichsten und besucherstärksten Zoos in Deutschland. Wir haben uns mit dem Zoodirektor Dr. Thomas Kölpin über die große Bandbreite dieser renommierten Einrichtung, seinen Werdegang und die Arbeit als Zoodirektor unterhalten.

Zudem wurde im Gespräch deutlich, dass Zoos mittlerweile viel mehr sind als Orte, an denen man Tiere beobachten kann. Der Artenschutz nimmt weltweit eine immer größere Rolle ein.

© Meierjohann

Das Interview ist Auftakt einer gemeinsamen Luftballon-Wilhelma Reihe, unter dem Stichwort „Ein Blick hinter die Kulissen der Wilhelma“, mit der wir ab diesem Jahr in unregelmäßigen Abständen Interessantes, aber auch Kurioses über den weit über die Stadtgrenzen Stuttgarts hinaus bekannten Zoologisch-Botanischen Garten erfahren werden.

Auf circa 30 Hektar leben in der Wilhelma rund 1.200 Tierarten aus aller Welt, daneben gibt es die beeindruckende Anzahl von 9.000 Pflanzenarten, die in den historischen Gewächshäusern gezeigt werden und die verschiedenen Klimazonen der Erde widerspiegeln. Einzigartig ist auch die gesamte Anlage mit ihrem historisch-botanischen Garten und Bauwerken im orientalisch anmutenden Stil.

Sie gehen auf die Zeit von König Wilhelm I. zurück, der die Anlage ab 1837 als exotisches Refugium für den königlichen Hof erbauen ließ. Rund 1,8 Millionen Besucher kann die Wilhelma jedes Jahr begrüßen, darunter viele Familien aus Nah und Fern. Für Kinder wurde in den letzten Jahren mit der interaktiven Kinderturn-Welt einiges getan, um den Besuch noch erlebnis- und bewegungsreicher zu machen.

Die Wilhelmaschule bietet zudem als pädagogische Abteilung des zoologischen Gartens Kindergärten und Schulklassen einen vertieften Einblick in zoologische, botanische und ökologische Themen, mit Führungen, Workshops und Aktionstagen zum Artenschutz.

Aus dem Leben eines Zoodirektors

© Luftballon

Herr Kölpin, seit Anfang 2014 sind Sie Zoodirektor der Wilhelma. Eine Tätigkeit, die für viele Kinder ein Trau beruf sein dürfte. War es schon als Kind ihr Ziel, einmal einen Zoo zu leiten?

Ich gehöre nicht zu denen, die mit drei schon wussten, dass sie mal Zoodirektor werden wollen. Ich kann also nicht behaupten, dass das irgendwo geplant gewesen wäre oder ein Ziel von mir war. Ich habe mich aber schon sehr früh für alle Tiere interessiert, nicht nur für die plüschigen, niedlichen, die man streicheln kann, sondern auch für Spinnen, Wanzen und was sonst noch so alles im Garten „rumkreucht“. Das ist aus dem, was meine Eltern berichteten, tatsächlich auch so überliefert.

Aber später in der Jugend habe ich mich zunächst mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ich habe unter anderem Leistungssport betrieben und im Zivildienst mit autistischen und anders behinderten Kindern gearbeitet. Daraus ist dann auch zunächst der Wunsch entstanden, Humanpsychologie zu studieren.

Das haben Sie dann aber nicht weiter verfolgt?

Nein, die Psychologie war mir doch etwas zu schwammig und nicht ganz meine Welt, daher bin ich dann in die klassische Naturwissenschaft gewechselt und habe Verhaltensbiologie studiert, habe mich also der Psychologie der Tiere und nicht der Menschen gewidmet.

Wie ging es dann weiter?

Als Verhaltensbiologe war es naheliegend, eine Stelle in einem Zoo aufzunehmen, aber immer noch nicht mit der Idee, einmal Zoodirektor zu werden. Ich war dann wissenschaftlicher Assistent im Hamburger Tierpark Hagenbeck. Das war eine gemischte Tätigkeit, auch praktisch als Tierpfleger und Revierleiter und parallel dazu mit wissenschaftlichen Aufgaben. Die direkte Arbeit mit den Tieren war sehr schön und hilft mir auch heute noch, zum Beispiel in der Einschätzung, was die Arbeit der Tierpfleger umfasst. 2009 wurde ich dann Direktor des Thüringer Zooparks in Erfurt, und dann ergab sich die Möglichkeit, sich auf die Direktorenstelle der Wilhelma zu bewerben, was dann auch letztendlich geglückt ist.

Dr. Thomas Kölpin

© artusmedia Olaf Kühl

Biologe, 1968 in Hamburg geboren, verheiratet, drei Kinder

Seit 1.1.2014 Direktor der Stuttgarter Wilhema, Mitglied im Council/Rat der EAZA - Europäischer Verband für Zoos und Aquarien. Außerdem Vorsitzender des Komitees für Mitgliedschaften und Ethik, sowie Leiter der Expertengruppe für Asiatische Elefanten. In der EAZA sind mehr als 400 wissenschaftlich geleitete Zoos, Aquarien und weitere Organisationen, z. B. Verbände und im zoobereich tätige Unternehmen, zusammengeschlossen. Alle Mitglieder vereint das Ziel, Artenschutz, Bildung, Wissenschaft und Tierwohl in der Zoowelt voranzutreiben. Mit Hilfe von Komitees und Spezialistengruppen für unterschiedliche Themenbereiche werden gemeinsame Standards gesetzt und weiter entwickelt.

Und nun sind Sie jeden Tag im Park unterwegs und schauen, wie es den Tieren geht – ich glaube Sie wohnen auch mit ihrer Familie auf dem Gelände?

Ja, das stimmt. Aber die Vorstellung, dass ich nun jeden Tag meine Spazierrunden durch das Gelände mache und bei den Tieren vorbeischaue, geht doch etwas an meiner Arbeitsrealität vorbei. Klar, ich habe auch meine Lieblingsorte. Einer ist zum Beispiel der Mammutbaumwald im oberen Bereich des Gartens. Aber der Job ist eher ein Managerjob und hat nicht mehr viel mit der klassischem Vorstellung eines Zoodirektors zu tun, der eben abends noch mal die ganzen Gehege abschließt und den Gorillas Gute Nacht sagt.

Aber Ahnung von Tieren ist in ihrer Arbeit schon wichtig?

Persönlich glaube ich, dass die besten Zoodirektoren immer noch die sind, die wirklich aus dieser Branche kommen und sich mit Tierhaltung wirklich beschäftigt haben. Ich habe mehrere hundert Zoos in der ganzen Welt gesehen und weiß, was es hier für Entwicklungen gibt.

In Deutschland sind wir ein bisschen klassischer unterwegs. Hier in der Wilhelma ist es noch so gewesen, dass der klassische Zoodirektor ausgeschrieben war, also Biologe oder Tiermediziner. Aber wenn wir jetzt ins Ausland schauen, sieht das häufig schon ganz anders aus. In den USA zum Beispiel hat eigentlich keiner von den Zoodirektoren ursprünglich mal etwas mit Tieren zu tun gehabt. Das sind Manager, die diverse andere große Unternehmen geleitet haben und dann in ihrer Karriere eben auch mal fünf Jahre einen Zoo leiten.

Natürlich braucht man auch Leute, die betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben, man kann ja nicht alles abdecken. Aber ich glaube, an der Spitze ist jemand gut, der die Gesamtstrategie und die Visionen für so ein Unternehmen hat und für dieses Thema brennt.

Was hat Sie speziell an der Wihelma gereizt?

Einerseits gehört die Wilhelma schon zu den großen Playern, andererseits gab und gibt es auch Defizite. Ich möchte gerne Dinge bewegen und nicht nur einen Status Quo verwalten. Ich habe dieses Potential in der Wilhelma gesehen, dass man hier noch Dinge ändern und den Zoo in die Zukunft führen kann.

Und wo sehen Sie insgesamt die Zukunft der Zoolandschaft?

Die Hauptaufgabe, nicht nur für die Wilhelma, sondern meines Erachtens für alle Zoos ist es, uns im 21. Jahrhundert zu transformieren. Veränderungen haben in den vergangenen 100 Jahren immer stattgefunden.

Ursprünglich waren Zoos mal Menagerien. Später waren sie quasi wissenschaftliche Ausstellungen, also lebende Museen. Dann ging es los, dass man die Lebensräume der Tiere dargestellt hat und im Anschluss fing man an, sich dem Artenschutz zu widmen. Sowohl in Form von Ex-situ-Artenschutz, also Haltung und Schutz von bedrohten Tierarten, aber auch In-situ, also dass man Artenschutzprojekte weltweit unterstützt.

Der nächste Schritt wäre aus meiner Sicht, dass wir international agierende Artenschutzeinrichtungen werden. Also nicht ein zoologisch-botanischer Garten, der Artenschutz macht, sondern eine Artenschutz-Organisation, die auch einen zoologisch-botanischen Garten betreibt. Das ist ein großer Unterschied, und ich glaube, das ist der nächste Schritt, den wir sowohl als botanische, als auch als zoologische Gärten machen müssen.

Wilhelma Zoologisch-Botanischer Garten Stuttgart
www.wilhelma.de

Ginge damit auch eine Reduzierung der Anzahl der Tierarten in den Zoos einher?

Nein, das wäre aus meiner Sicht der total falsche Ansatz. Natürlich muss man immer im Blick behalten, dass das sogenannte animal-welfare gegeben ist, es den Tieren also so gut geht, wie man es eben in Menschenobhut machen kann. Wenn ich sage, ich will nur Großtiere halten, also zum Beispiel nur Elefanten, Giraffen, Nilpferde, oder Nashörner, dann komme ich natürlich räumlich schnell an meine Grenzen.

Aber es gibt ja so viele kleine Tierarten. Wenn ich auf der vorhandenen Fläche statt mehrerer großer Tierarten nur Elefanten halte und einen zusätzlichen Bereich für Insekten einrichte, dann habe ich plötzlich 500 Arten auf dem gleichen Raum - und kann damit sehr viel für den Artenschutz bewirken.

Das Thema Artenreduktion war mal ein Trend, bei dem viele Zoos gesagt haben, mehr Platz für weniger Arten. Ich bin da überhaupt kein Freund davon. Und eine Stärke der Wilhelma liegt ja gerade auch darin, dass bei uns diese Artenvielfalt herrscht, sowohl in der Botanik, als auch in Zoologie.

Wir haben rund 1.200 Tierarten, 9.000 Pflanzenarten. Diese Biodiversität zeigen zu können, ist sehr wichtig. Denn eines der Hauptprobleme unserer modernen Welt ist neben dem Klimawandel, die Biodiversitätskrise. Die Vielfalt sichtbar zu machen, ist eine wichtige Aufgabe, wenn wir uns als Artenschutzeinrichtung bezeichnen wollen. Die Vielfalt der Natur kann man hier wirklich erleben, wenn man durch die Gewächshäuser oder durch das Amazonienhaus geht. In manchen Zoos kommt das meines Erachtens zu kurz.

Im Bereich Artenschutz wird immer von Reservepopulationen gesprochen, die die Zoos vorhalten, wenn eine Art auszusterben droht oder schon ausgestorben ist. Ist das eigentlich ein realistisches Ziel, dass man damit Tierarten retten kann?

Kintertag in der Wilhelma © Wilhelma Stuttgart

Das ist schon Realität. Der Wisent wäre zum Bespiel schon weg, wenn er nicht in Zoos überlebt hätte, ebenso die Hawaiigans, die Arabische Oryx-Antilope oder die Säbelantilope. Das sind alles Beispiele von Arten, die in Zoos überlebt haben und jetzt inzwischen wieder stabile Populationen draußen in der freien Wildbahn haben. Zur Zeit gibt es rund 30 Tierarten, die es nur noch in Zoos gibt. Von kleinen Schnecken und Fischen bis hin zu großen Huftieren.