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Unerfüllter Kinderwunsch: Chancen und Grenzen der Kinderwunschbehandlung

01.07.2023

Die Berichterstattung in den Medien suggeriert, dass die moderne Medizin jedem zu einem Kind verhilft, egal in welchem Alter. Doch in Wirklichkeit ist es längst nicht so einfach. Da ungewollte Kinderlosigkeit ein Tabuthema ist, weiß kaum jemand über die realen Chancen und die psychischen Begleiterscheinungen Bescheid.

Anna Adamyan, Influencerin und Autorin, versucht das Schweigen um den unerfüllten Kinderwunsch zu brechen. Seit Jahren informiert sie Follower auf Instagram über ihre Kinderwunschbehandlung und berichtet über emotionale Höhen und Tiefen, unter anderem auch über zwei Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftsdrittel. In „#kinderwunsch – einfach schwanger?!“, einer Dokumentation in der ARD, begleitet sie Paare, die eben nicht so leicht schwanger werden. Gleichzeitig lässt sie Zuschauer an ihrem eigenen Schicksal teilhaben. Adamyan wünscht sich zusammen mit ihrem Partner, einem prominenten Fußballer, seit fünf Jahren ein Kind. Die Sechsundzwanzigjährige leidet unter Endometriose und gilt als unfruchtbar. Im Laufe der dreiteiligen Doku wird sie nach der elften künstlichen Befruchtung schwanger und hat inzwischen etwa die Hälfte ihrer Schwangerschaft hinter sich.

Acht bis zehn Prozent aller Paare unfruchtbar

Laut Studien der WHO sind rund acht bis zehn Prozent aller Paare unfruchtbar. Dies kann zu etwa gleichen Teilen an der Frau wie auch am Mann liegen. Obwohl ungewollte Kinderlosigkeit somit nicht wirklich selten auftritt, spricht kaum jemand offen darüber. Dies liegt auch daran, dass Paare sich vor unbedachten, unpassenden Kommentaren oder übler Nachrede schützen wollen. Es kursieren noch immer viele Mythen um den unerfüllten Kinderwunsch, auch wenn sie längst wissenschaftlich widerlegt sind.

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Mit einigen solchen Vorurteilen räumt Tewes Wischmann online in seiner „Ultimativen Kinderwunsch-Checkliste“ auf. Der Diplom-Psychologe ist akademischer Mitarbeiter der Universität Heidelberg, berät Paare mit unerfülltem Kinderwunsch und hat ein Buch über psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch geschrieben. So sei es in keinster Weise gerechtfertigt zu behaupten, die Natur würde bestimmten Paaren die Schwangerschaft begründet verwehren oder aber psychische Komponenten, irgendwelche inneren Blockaden oder Stress würde dabei eine Rolle spielen.

„Solange wir uns nicht im Krieg befinden, führt Stress nicht zur Unfruchtbarkeit. Die Psyche spielt nur indirekt eine Rolle. Beispielsweise Drogenkonsum, auch das Rauchen trotz Kinderwunsch, Hochleistungssport oder eine unbehandelte Essstörung bei der Frau, ein eingeschränktes Sexualleben beim Paar können das Schwangerwerden negativ beeinflussen“, so Wischmann. Sätze wie „Entspann dich, dann wird es schon klappen“, sollte man sich also lieber sparen.

Geringere Fruchtbarkeit schon ab 25

Dr. Tanja Eggersmann ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und forscht aktuell zu Behandlungsmöglichkeiten bei vorzeitiger Erschöpfung der Eizellreserve. In „Kinderwunschzeit“, einem Podcast des Bundesfamilienministeriums, äußert sie sich in einer Folge über Mythen zum Kinderwunsch im höheren Alter. Frauen würden ihre eigene Fruchtbarkeit häufig überschätzen. Fast sechzig Prozent der Paare über fünfunddreißig Jahren würden davon ausgehen, dass ihre Fruchtbarkeit noch fast uneingeschränkt vorhanden sei. Tatsächlich nehme sie schon ab Mitte Zwanzig langsam, aber stetig ab. Zehn Jahre später befände sich dann der „Knackpunkt“, ab dem die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit weiter abnehmen würde.

Freilich gebe es Unterschiede von Frau zu Frau. Die Ärztin gibt Frauen am Ende der Podcast-Folge den Tipp, schon in jungen Jahren den „AMH-Wert“ bestimmen zu lassen. Anhand des Anti-Müller-Hormons kann abgeschätzt werden, wie viele befruchtungsfähige Eizellen in den Eierstöcken noch vorhanden sind. So würde die Frau in jungen Jahren einen Anhaltspunkt bekommen, wie fruchtbar sie im Vergleich zu anderen gleichaltrigen Frauen ist. Da man allerdings nicht genau wissen würde, in welchem Tempo die Fruchtbarkeit abnehme, würde sich eine solche Erhebung des Status-quo vor allem in einem Moment im Leben anbieten, wenn man überlege, den Kinderwunsch zu verwirklichen oder weiter aufzuschieben.

Psychische Begleiterscheinungen ­vorbeugen

Wenn es dann doch auf eine Kinderwunschbehandlung hinausläuft, kann es hilfreich sein, sich von Anfang an psychologisch betreuen zu lassen. Wischmann klärt bei Informationsveranstaltungen im Klinikum Heidelberg auch darüber auf, dass die Erfolgsquote nach einer Kinderwunschbehandlung nicht so hoch ist, wie im Allgemeinen angenommen. Kinderwunschzentren würden oftmals nicht mit der Geburten-, sondern mit der Schwangerschaftsquote werben.

Statistisch betrachtet würden zwei von zwölf Paaren, die einen Zyklus der künstlichen Befruchtung beginnen, mit einem Kind nach Hause gehen. Dass eine Frau sich so oft behandeln lässt wie Anna Adamyan, ist nach den Erfahrungsberichten von Wischmann zufolge eher die Seltenheit. „Viele Frauen brechen die Behandlung bereits nach dem ersten Versuch ab, weil sie die emotionalen Begleiterscheinungen unterschätzt haben. Frauen nehmen während der Behandlung ihren eigenen Körper besonders intensiv wahr. Sie spüren auch frühe Frühgeburten deutlich, die andere Frauen als Zwischenblutung deuten“, berichtet der Diplom-Psychologe. Das Hoffen auf eine Schwangerschaft, die Enttäuschung nach negativem Test – all das sei enorm anstrengend für ein Paar. Ann-Kathrin aus der oben genannten ARD-Doku war viermal in einem Jahr schwanger und verlor den Embryo jeweils in den ersten zwei Monaten.

Statistisch betrachtet würden, so Wischmann, vier bis maximal sechs Behandlungszyklen Sinn machen. Wer dann noch kinderlos bleibt, habe nur noch eine minimale Erfolgschance. Da wie im Lottospiel die Chance auf eine Schwangerschaft nicht ausgeschlossen sei, müsse letztlich das Paar selbst die Grenze ziehen und aufpassen, dass die Behandlung nicht Suchtcharakter annimmt.

Wichtigkeit eines „Plan B“

Wischmann weiß aus Gesprächen mit Betroffenen, dass viele Paare die Kinderlosigkeit als einschneidendste Krise in ihrer Biographie erleben. Damit der Kinderwunsch nicht zu dominant wird und negativen Einfluss auf die Paarbeziehung hat, rät er jedem Paar, vom Anfang der Behandlung an auch einen Plan B, vielleicht auch einen Plan C zu überlegen. Was geschieht, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt? Statistisch betrachtet sind auch nach drei Behandlungszyklen immerhin noch die Hälfte der Paare kinderlos.

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Man geht davon aus, dass in Deutschland etwa jedes zehnte Paar ungewollt kinderlos ist. Ein alternativer Plan kann darin bestehen, sich beruflich zu verändern, eine große Reise zu machen, sich vermehrt um Nichten und Neffen zu kümmern oder aber auch eine Pflegeelternschaft oder eine Adoption zu erwägen und sich aktiv darüber zu informieren.

Tipps & Wissenswertes in Kürze

  • Buchempfehlung: Wischmann, Stammer: Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinder­wunsch. Kohlhammer, Stuttgart (2016, 5. über­ar­beitete Auflage), ISBN 978-3-17-031898-4, 24,- €.
  • Podcast „Kinder­wunsch­zeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Außerdem informiert die Seite über Förder­möglichkeiten und andere interessante Themen:  informationsportal-kinderwunsch.de
  • Die Doku „#kinderwunsch – einfach schwanger!?“, auf die im Text verwiesen wird, findet man in der ARD-Mediathek.
  • Beratungskräfte vor Ort findet man auf der Seite des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland unter bkid.de