TikTok im Faktencheck: Wie die App Kinder beeinflusst – Zahlen, Studien, Tipps

25.08.2025

In der Social-Media-Plattform TikTok gehen längst nicht mehr nur Katzen­videos und Tanzchal­lenges auf Sendung. Bei diesem außerordentlich erfolgreichen Netz­werk sind nicht nur die teilweise absurden bis gefährlichen Challen­ges problematisch. Es geht zunehmend um Manipulation der öffentlichen Meinung, um Verbrei­tung von Des­information, Verschwörungs­erzählungen und das bereits bei ganz jungen Nutzern. Ab wann wird TikTok riskant? Warum sind Jugendliche so empfänglich dafür, und wie können Schulen und Eltern reagieren? Über diese Fragen sprachen wir mit Saskia Nakari, Medienpädagogin am Stadtmedien­zentrum Stuttgart.

TikTok ist lustig, schnell, faszinierend. Kurzvideos mit Soundeffekten, Filtern und Effekten prasseln in Dauerschleife auf uns nieder. Ein Video nach dem anderen, eins witziger und interessanter als das andere. Und weil das so ist, bleiben wir hängen. Oft stundenlang. Der TikTok-Algorithmus passt die angezeigten Videos an unsere individuellen Interessen an. Das führt zu einem endlosen Scrollen – weiter – weiter – weiter. TikTok gehört zu den Apps, die weltweit am häufigsten runtergeladen werden. Auch von unseren Kindern.

Ein paar Zahlen vorneweg: Offiziell darf TikTok erst ab 13 Jahren genutzt werden – zumindest sagen das die Nutzungsbedingungen. Die Realität ist eine andere: Laut der aktuellen KIM-Studie (sie untersucht Internet- und Mediennutzung der Sechs bis 13jährigen) nutzt schon ein Viertel der Zehn- bis Zwölfjährigen in Deutschland die Plattform. Und 43 Prozent der Zwölf bis 13jährigen. Täglich schauen sich Kinder und Jugendliche zwischen ein und drei Stunden Videos auf TikTok an. „Auch nachts ist TikTok dabei“, sagt Saskia Nakari, „die Hälfte der acht- bis neunjährigen Kinder mit Smartphone nehmen ihr Handy mit ins Bett.“ Das ist besonders folgenschwer, weil der TikTok-Algorithmus nachts anders funktioniert als tagsüber. Um die Nutzer bei Laune und am Gerät zu halten, spielt die App nachts extremere, oftmals nicht altersgerechte Inhalte aus - Gewalt, sexuelle Inhalte oder Werbung, die zu Konsum animieren.

Wie problematisch ist TikTok bei Kindern?

TikTok fordert ständig unsere Aufmerksamkeit und fördert ein suchtähnliches Verhalten. Das sehen Experten von der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Tübingen so. Schließlich basiert das Geschäftsmodell darauf, dass möglichst viel Zeit auf der Plattform verbracht wird. Ständig werden neue Dinge präsentiert, die uns fesseln. TikTok registriert blitzschnell, welche Videos man wie lange anschaut, welche Inhalte man liked, kommentiert oder teilt, wem man folgt und wo man schneller weiterscrollt – der Algorithmus lernt, was gefällt, und zeigt mehr von diesem Content. Dabei bekommt jeder User etwas anderes zu sehen. „Je jünger die Kinder sind, desto anfälliger sind sie für eine exzessive Nutzung mit Folgen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit in der Schule. Das passiert, weil sie sich noch nicht gut selbst regulieren können“, erklärt Saskia Nakari.

Absurde und gefährliche Challenges

Die Medienpädagogin ist viel an Schulen unterwegs, gibt Workshops und erlebt direkt, wie TikTok dort wirkt. Zum Beispiel Mitmachaktionen, sogenannte Challenges, Herausforderungen oder Mutproben fordern die User zu Fitness-, Tanz- oder Geschicklichkeitschallenges heraus. Aber neben vielen harmlosen Dingen kursieren auch absurde und teilweise gefährliche Mutproben auf den Schulhöfen, die sogar zu selbstverletzendem Verhalten auffordern: „SkinnyTok“, das krankhaft dünne Körperbilder feiert und lebensbedrohliche Hungertipps verbreitet und zu Essstörungen beiträgt; die Breakout-Challenge, bei der sich Kinder bis zur Ohnmacht würgen und das weltweit mehrere Kinder und Jugendliche das Leben gekostet hat oder die Aufforderung, bestimmte Medikamente einzunehmen, um sich in einen rauschhaften Zustand zu versetzen.

Bei der „Deo-Challenge“ sprühen Jugendliche Deo möglichst lange auf die Haut. Die enthaltenen Chemikalien können schwere Verbrennungen verursachen. Bei einer Variante ist das Ziel, so viel Deo wie möglich einzuatmen. Das kann zu Bewusstlosigkeit, Herzversagen und Atemlähmung führen. Das Gleiche passiert bei der Zimt-Challenge, bei der ein Teelöffel Zimt geschluckt werden soll.

Ein anderes Ziel besteht darin, die Schule lahmzulegen bis zur Evakuierung. Dazu werden die Klos unter Wasser gesetzt, Mülleimer angezündet, bis der Feueralarm angeht und sogar Amokalarme ausgelöst. Was kommt als nächstes? Und wie geht man damit um, wenn man von solchen Mutproben in der Schule der eigenen Kinder hört? Anhören kann man sich solche und ähnliche wahre Geschichten beim „SchoolCrime Podcast“, den Saskia Nakari am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg hostet. Tipps, wie Eltern und Schulen auf solcherlei Grenzüberschreitungen  reagieren können, gibt es gratis dazu. „Wichtig ist, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, nachzufragen und erzählen lassen, was gerade so abläuft auf dem Schulhof. Die Kids sollen keine Angst vor der Reaktion der Erwachsenen haben, denn sonst vertrauen sie sich nicht mehr an.“

Filterblasen, Radikalisierung, Fake News

Mit der Zeit schlägt der Algorithmus fast nur noch Videos zu Themen vor, die einen ohnehin interessieren. Zum Beispiel, wer sich viel mit Fitness- oder Stylingtipps beschäftigt, bekommt immer mehr Ähnliches angezeigt. Leider funktioniert das auch bei problematischen Inhalten wie Abnehmen, Verschwörungstheorien, politisch radikalen Themen oder depressiven Inhalten.

Herrscht eine bestimmte Symptomatik vor, kann das verstärkend wirken. Das Wort „Filterblase“ fällt oft in dem Zusammenhang.  Es bedeutet, man bekommt nur noch die Dinge angezeigt, die den eigenen Ansichten ähneln, ohne zu merken, dann man von anderen Sichtweisen abgeschirmt wird.

Grundsätzlich scheint TikTok auch eine Art Zensur auszuüben, beobachten Nakari und ihre Kolleginnen und Kollegen. „Wir sehen zum Beispiel sehr viele Rollenklischees und stereotype Frauenbilder. Was wir nicht so häufig sehen, sind Themen wie Armut oder pummelige Menschen. TikTok will positive und gute Gefühle auslösen, und da passen solche Themen nicht ins Bild.“

Auch Fake News haben ein leichtes Spiel:  Sie entstehen, weil jeder schnell Inhalte posten kann und der Algorithmus emotional aufgeladene Videos besonders weit verbreitet, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt. Viele Nutzer, besonders junge, hinterfragen die Inhalte nicht kritisch und lassen sich von Trends oder Influencern beeinflussen, weil sie ihnen vertrauen. Oft können sie gar nicht überschauen, dass und wie viel Geld Influencer von ihren Auftraggebern bekommen. Fehlende Faktenprüfung und gezielte Desinformation verstärken die Verbreitung falscher Inhalte zusätzlich.

Ist eine Altersbeschränkung die Lösung?

Gesetzliche Beschränkungen könnten eine Lösung sein. In einigen Ländern werden Verbote laut. Australien, Frankreich, Spanien planen oder denken über ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige nach. Auch in Deutschland gibt es eine entsprechende Petition. Interessant, dass ausgerechnet der Deutsche Lehrerverband das als weltfremd ablehnt. Vielmehr sollen Kinder zu einem klugen Umgang mit den Medien erzogen werden. Stimmt, und wir müssen uns auch selbst regulieren, sagen Medienpädagogen.

Workshops für Eltern

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass 55 Prozent der Eltern sich überhaupt nicht um die Handy-Nutzungszeit ihrer Kinder kümmern.  Die Zahl erschrickt und Eltern müssten viel mehr Interesse entwickeln, wünscht sich Saskia Nakari. „Es gibt dringenden Bedarf, die Medienkompetenz von Eltern zu stärken. Die Stadt- und Kreismedienzentren und das Landesmedienzentrum bieten Workshops und Elternabende an, in denen wir über einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien sprechen und auch technische Möglichkeiten erläutern.“

Was Eltern tun können

Der offene Dialog zwischen Eltern und Kindern über den verantwortungsvollen Umgang mit der App ist essentiell, findet die Medianpädagogin und gibt zusätzliche Tipps:

• Begleitender Modus: Hier wird das Kinderhandy mit dem der Eltern verbunden, damit kann man den Zugriff auf bestimmte Inhalte und Funktionen begrenzen und auch die Kontakte sehen.

• Sogenannte „In-App-Käufe“ in den Grundeinstellungen deaktivieren.

• Bei der Anmeldung das wahre Alter angeben, weil hiermit bereits bestimmte Filterfunktionen aktiviert werden.

• Die Geräte nachts nicht im Kinderzimmer lassen. Morgens wird man vom Wecker geweckt, nicht vom Handy.

• Für mehr Vielfalt den Algorithmus „verwirren“, in dem man bewusst nach ungewöhnlichen Inhalten sucht oder diese liked.

• Kinder möglichst lange keinen unbegrenzten Zugang zu internetfähigen Handys geben, z.B. mit Prepaid-Handys ohne Datennutzung. Internetfähige Handys sollten Jugendliche unter 13 Jahren möglichst nicht nutzen.

• Technischen Jugendmedienschutz nutzen: Kindersicherung für Tik Tok

• Mediennutzungsvertrag gemeinsam mit dem Kind vereinbaren.

• Man kann Kinder nicht vor allen schlimmen Inhalten schützen, deshalb immer das Gespräch anbieten: „Ich weiß, dass da blöde Sachen passieren. Wenn du etwas komisch findest oder es dir Angst macht, sag bitte Bescheid, dann schauen wir gemeinsam hin.“

Weiterführende Informationen & Tipps