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Spielstadt Ratzelbach in Stuttgart: Kinder erleben Demokratie und Berufsalltag

19.02.2026

In Stuttgart-Untertürkheim findet seit mehr als 20 Jahren die Spielstadt Ratzelbach statt. Kinder erleben das Leben in einer Stadt hautnah, mit allem, was dazugehört. Sie nehmen Berufe an, werden zu Bäckern, Postboten, Bankangestellten, sorgen für die Müllabfuhr und lassen sich zur Wahl als Bürgermeister aufstellen. Ratzelbach ist nur ein Beispiel von vielen Spielstädten in und um Stuttgart. Der Luftballon hat sich vor Ort umgeschaut.

Rund um das Café Ratz, dem Kinder- und Jugendzentrum in Untertürkheim, herrscht in den Sommerferien buntes Treiben. Das Gelände hat sich für eine Woche zu einer eigenen Stadt gewandelt: Willkommen in der Spielstadt Ratzelbach!
Eltern und andere Erwachsene sind unerwünscht. Eintreten darf man nur mit Erlaubnis.

Ich bekomme einen Besucherausweis und werde von Maxim empfangen, der sich an diesem Tag zur Wahl des Bürgermeisters aufstellen lässt und sich entsprechend fein herausgeputzt hat. Er ist neun Jahre alt und begeistert von dem Ferienangebot der Kinderspielstadt und schon zum vierten Mal dabei. „Mir gefällt hier alles, aber vor allem die Vielfalt der Sachen und das leckere Essen“, sagt Maxim. Gemeinsam mit der 19-jährigen Betreuerin Emma führt er mich durch die Spielstadt.

Von Backstube bis Recyclinghof

Tatsächlich ist das Angebot riesig. Auf dem großen Gelände mit den vielen verschiedenen Ständen und Stationen sowie dem Gebäude darf ich nichts verpassen. Und nicht nur Maxim, auch die anderen Kindern, denen wir begegnen, sind sichtlich stolz und engagiert in ihrem Wirken.

Alle Teilnehmer sind bereits voll in ihre Rollen geschlüpft und gehen ihren Berufen und Aufgaben nach, wie in einer echten Stadt, wie in einem wirklichen Leben.

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Für die jungen Bürger von Ratzelbach gibt es eine Vielzahl an Stationen zur Auswahl: Es gibt eine Gärtnerei, die Naschhütte, in der Süßigkeiten verkauft werden, die Schreinerei, das Arbeitsamt, die Bank, die Post, ein Café, das Lager, den großen Beauty-Salon, die Zeitung, die Kunstschmiede, den Recyclinghof, die Pizzabäckerei, das Bürgermeisterbüro, eine Baustelle, die Backstube, die Kosmetik-Fabrik, die Malerei und den Ratzelpark, ein Vergnügungspark mit Fußballfeld, Tischkicker und anderen Attraktionen. „Hier kommen die einzelnen Betriebe auch gerne mal zwischendurch zum „Betriebsausflug“ hin“, weiß Maxim. Andere dagegen machen einen Mitarbeiterausflug ins Café.

Besonders beeindruckt mich die Spielewerkstatt, die letztes Jahr als Angebot neu dazu kam. Dort werden Brettspiele und andere Spielideen entwickelt und sogar als Dummies hergestellt.

Jeden Tag den Job wechseln

Emma, die als Erzieherin in Ausbildung die Woche in der Spielstadt mithilft, erklärt: „Sinn der Sache ist es, dass die Kinder ein Gefühl für die verschiedenen Arbeiten in einer Stadt bekommen.“ Alle 150 Kinder können sich jeden Tag einen neuen Job aussuchen und bei Nichtgefallen auch mal mitten am Tag die Branche wechseln. Sie lernen aber auch die anderen Arbeitsbereiche kennen, indem sie dort Besuche abstatten, etwas einkaufen oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Weitere Infos:

Auch andere Städte und Gemeinden veranstalten­ Kinderspielstädte in den Sommer­ferien, teilweise auch in anderen Ferien. Hier eine Auswahl:

Stuttgarter Jugendhausgesellschaft:

  • Kinderspielstadt Ratzelbach, im Jugendhaus Cafe Ratz, Margaretenstraße 67, S-Untertürkheim, 7 bis 11 Jahre, 150 Kinder, 90 Euro/Woche, Anmeldung über kesselferien.decaferatz.de
  • Spielstadt Stutengarten, beim VfR Cannstatt, S-Münster, 6 bis 13 Jahre, 500 Kinder, 175 Euro/Woche, Anmeldung über: stutengarten.de
  • Spielstadt Möhrohausen, Jugendhaus Möhringen, Filderbahnplatz 26, S-Möhringen, 1. Klasse bis 11 Jahre, 150 Kinder, 90 Euro, Anmeldung über jh-moehringen.de

Spielstädte außerhalb Stuttgarts:

  • Kinderspielstadt Karamempel, Kulturpalast, Esslingen, Sommerferien, 200 Kinder, für Kinder aus Esslingen, oder Schulbesuch in Esslingen,  87,50 Euro, ferien-esslingen.de
  • Kinderspielstadt Bietigheim, Festhallengelände, Bietigheim-Bissingen, bietigheim.de
  • Kinderspielstadt Diziput, Grundschule Ditzingen-Heimerdingen, 7 bis 12 Jahre, 250 Kinder, wohnhaft in Ditzingen oder Teilorten, 160 Euro, Online-Anmeldung im April, unser-ferienproramm.de/ditzingen

Zum Teil gibt es Angebote für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf.

Für seinen Lohn Pizza kaufen

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Natürlich kosten die Leistungen auch etwas. Bezahlt wird mit dem Ratzel, der Währung in Ratzelbach. Durchschnittlich verdient jedes Kind 48 Ratzel am Tag. Davon kann man sich nicht nur Waren kaufen, auch Lose, Eintrittskarten, Briefmarken oder Leckereien, wie Süßigkeiten, Kuchen oder Pizza. Für das leibliche Wohl ist allerdings auch ohne Extra-Bezahlung gesorgt. Alle Kinder bekommen in der Kantine jeden Tag ein Mittagessen, das von einem engagierten Team - ausnahmsweise Erwachsene - zubereitet wird.

Demokratie hautnah erleben

Beim Kennenlernen der Spielstadt wird mir schnell klar, die Kinder lernen hier nicht nur verschiedene Berufssparten kennen, sie machen erste Versuche im Wirtschaften, erfahren, wie man am besten handeln kann, dürfen selber organisieren und planen und müssen lernen, sich selbst zurechtzufinden.

Kurz zusammengefasst lernen die Ratzelbacher das „echte Leben“, und sie lernen, Bürgerinnen und Bürger mit allen Rechten und Pflichten zu sein. Dabei erleben sie Demokratie hautnah. Sie wählen Vertreter - wie heute den Bürgermeister - diskutieren über Regeln, übernehmen Aufgaben für die Allgemeinheit, bringen ihre eigene Stimme mit ein und tragen Verantwortung. Der respektvolle Umgang untereinander und die Hilfe für jüngere Teilnehmer oder jene, die Probleme haben sich einzufinden, fördert zudem die soziale Kompetenz.

Neue Betriebe gründen sich

Auch bei der Entscheidung zu neuen Arbeitsfeldern sind die Kinder beteiligt.

„Die verschiedenen Betriebe entstehen während der Woche und entwickeln sich“, erklärt Silvia Rehm, die das Jugendhaus leitet. Es werden neue Unternehmen oder Institutionen gegründet, Firmenschilder gemalt, Konzepte entwickelt, Arbeitsabläufe getestet und neue Angebote gestaltet, so dass die Stadt ständig im Wandel ist.

Ohne Helfer geht es nicht

Die Spielstadt einzurichten, macht eine Menge Arbeit, das ist leicht zu erkennen.

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„Wir bauen eine Woche lang auf und haben fast 70 Mitwirkende“, erklärt Rehm. Unter den Mitarbeitern sind viele ehrenamtliche Helfer, die dazu beitragen, dass die Spielstadt zustande kommt. Emma macht die Arbeit mit den Kindern viel Spaß. Sie schätzt das selbständige Arbeiten der Kinder, dass sie sich in der Spielstadt frei bewegen können und immer neue Dinge erleben.

Die Ratz-Show zum Abschluss

Ich verlasse Ratzelbach mit vielen neuen Eindrücken und hätte große Lust, als Bürgerin mitzuwirken. Während ich mich verabschiede, ist Maxim schon ganz gespannt, ob er die Wahl gewonnen hat und zum Bürgermeister ernannt wird. Dann warten auf ihn noch ganz neue Aufgaben. Unter anderem steht die Lohnerhöhung auf seiner Agenda.

Die Bürgermeisterwahl wird auch Teil der Ratz-Show sein, die jeden Tag zum Abschluss stattfindet. Sie verkündet alle aktuellen News des Tages. Danach ist um 17 Uhr Feierabend und die Kinder gehen müde, erschöpft und mit vielen neuen Eindrücken nach Hause. Einige planen insgeheim schon ihre Jobauswahl für die nächsten Tage.