Ein Social-Media-Verbot für Jugend­liche unter 16 Jahren steht weltweit und auch in Deutschland zur Debatte. Im Interview erklärt Medienexperte Benjamin Thull, warum Altersgrenzen allein zu kurz greifen. Er spricht über Risiken wie suchtfördernde Elemente bei Social Media Angeboten, Cybermobbing und manipulative Algorithmen, warnt vor den Gefahren einer emotionalen Bindung an KI-Chatbots und macht deutlich, warum Medienkompetenz letztlich der beste Schutz ist.

Australien ist das erste Land, das ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren erlassen hat. Betroffen sind große Plattformen wie Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, X und YouTube. Viele weitere Länder planen ebenfalls Gesetze. Wo stehen wir hier in Deutschland in der Diskussion?

Das Thema wird hier sehr breit diskutiert. Die Erfahrungen aus Australien haben aber gezeigt, dass sich ein reines Verbot in der Praxis schwierig gestaltet. Viele Jugendliche umgehen es mit falschen Altersangaben oder weichen auf andere Plattformen aus.

Es gibt auf nationaler und europäischer Ebene Expertenkommissionen, die Handlungsempfehlungen erarbeiten. Man sieht zwei grundsätzliche Ansätze. Zum einen sollen soziale Medien grundsätzlich erst ab 13 Jahren erlaubt sein. Dieses Mindestalter muss dann aber zuverlässig, sicher und datenschutzfreundlich überprüft werden. 

Zum Beispiel könnte man dazu die sogenannte digitale Brieftasche, die EUDI-Wallet nutzen. (Die EUDI-Wallet soll ab Januar 2027 in allen EU-Ländern eingesetzt werden und es ermöglichen, europaweit Nachweise digital mit Behörden und Unternehmen zu teilen, ohne sensible Zusatzdaten preiszugeben, Anm. der Redaktion). Der andere Ansatz ist, dass für jedes Angebot eine eigene Risikoüberprüfung gemacht und dann entschieden werden soll, für welche Altersstufe es geeignet ist.

Das klingt aufwendig und schwierig. Welche Probleme tauchen in der Diskussion auf?

Da ist einmal die Frage, welche Dienste meinen wir denn überhaupt? Das sind natürlich die Klassiker wie TikTok, Instagram oder Snapchat, aber es gehören auch Dienste wie WhatsApp oder Gaming-Angebote dazu. Im Prinzip alles, wo Austausch und Kommunikation möglich ist. Und noch wesentlicher bei den Verbotsdebatten, die derzeit auf nationalen Ebenen geführt werden, ist dass aufgrund des Digital Service Acts (DAS) nur die EU-Kommission ein entsprechendes Gesetz beschließen kann.

Das heißt, es kann auf Basis der aktuellen Rechtslage keine Alleingänge oder Individualgesetze der einzelnen Staaten geben. Realistisch ist aufgrund der aufwendigen nationalen Abstimmungen auch nicht mit einer schnellen Lösung zu rechnen.

Zur Person

Benjamin Thull ist Leiter des Team Jugendschutz und Forschung bei der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) in Stuttgart. Der Medienwissenschaftler sieht Medienerziehung als wichtige Bildungsaufgabe, um junge Menschen fit für die digitale Welt zu machen.

Psychologen und Ärzte schlagen Alarm, weil es Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung und unserem Wohlbefinden gibt. Bei der Debatte des Social Media-Verbots geht es ja im Kern um den Schutz der mentalen und physischen Gesundheit einer ganzen Generation. Welche Gefahren sind das genau?

Die sozialen Medien spielen heute eine so zentrale Rolle im Alltag von Kindern und Jugendlichen, kaum jemand geht mehr über einen Browser auf eine Website, sondern Inhalte werden überwiegend über Social Media Dienste konsumiert.

Wir sehen Auswirkungen auf die mentale Gesundheit durch problematische Inhalte. Das ständige Vergleichen mit scheinbar perfekten Körpern, Erfolgen und Leben anderer triggert das Selbstwertgefühl massiv. 

Die Folgen können Wahrnehmungsverzerrungen, Depressionen, Essstörungen, Schönheitswahn sein. Kommunikationsrisiken wie Cyberbullying - also Mobbing, sowie Hassrede gehen rund um die Uhr auf den Plattformen weiter, oft anonym, mit großer Reichweite und massiven Gesundheitsrisiken.

Problematisch ist auch das suchtfördernde Design der Plattformen. Die Algorithmen sind darauf optimiert, die Bildschirmzeit zu maximieren. Das Wechselspiel zwischen Belohnungen und Enttäuschungen triggert das Belohnungszentrum im Gehirn, und man will immer mehr davon. Es ist wie beim Glücksspiel, vielleicht ist der nächste Post der beste. Die ständige Angst, etwas zu verpassen, erzeugt permanenten Druck, online zu sein. Die Folgen können Schlafmangel und Konzentrationsschwäche sein.

Treffen diese Risiken alle Kinder und Jugendliche gleichermaßen?

Zum Glück ist das nicht so. Es gibt aber Kinder und Jugendliche, die eine gewisse Veranlagung zu bestimmtem Verhalten haben oder anfällig sind, und die bekommen vom Algorithmus natürlich immer mehr von den problematischen Inhalten angezeigt, die sie interessieren. Wer einmal nach bestimmten Inhalten sucht, gerät schnell in eine Spirale, in der immer extremere Videos beispielsweise zu Essstörungen oder Selbstoptimierung angezeigt werden.

 

Welche Rolle spielt dabei die KI?

Ein Phänomen, das sich derzeit, und zwar nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, zunehmend verbreitet, ist die sogenannte parasoziale Interaktion. Darunter versteht man eine Art „Als-ob-Kommunikation“ mit einem persönlichen KI-Assistenten oder Chatbot. Durch wiederholte Gespräche kann eine einseitige emotionale Bindung an die KI entstehen. KI-Systeme reagieren mithilfe lernfähiger Algorithmen auf die Eingaben, gehen auf ihre Anliegen ein und können Verständnis oder Empathie überzeugend simulieren. Dadurch kann der Eindruck einer persönlichen Beziehung oder sogar einer Freundschaft entstehen. Das kann sich so echt anfühlen, als ob die KI eigene Gefühle habe oder echtes Verständnis.

Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die sozial oder emotional belastet sind, besteht das Risiko, eine KI als „Vertrauensperson“ zu nutzen und sich dadurch zunehmend von realen sozialen Beziehungen zurückzuziehen. Zudem können KI-Systeme je nach Nutzung problematische oder schädliche Inhalte erzeugen.

Darüber hinaus besteht die Gefahr, sehr persönliche Informationen preiszugeben. Solche Daten könnten zum Beispiel für kommerzielle oder auch manipulative Zwecke verarbeitet werden. (Eine Altersbegrenzung für die Erstellung und Nutzung persönlicher KI-Assistenten wird auch von der Expertenkommission diskutiert, Anm. der Redaktion).

Wie kann man hier regulierend eingreifen?

Als Medienaufsicht können wir nur regulieren, was öffentlich im Netz sichtbar ist. Was in den Chats mit einer KI geschieht, ist jedoch vergleichbar mit einer nicht öffentlichen Individualkommunikation, wie sie über WhatsApp laufen würde.

Mit Blick auf KI können wir regulatorisch eher etwas bewirken, wenn wir die KI-Anbieter direkt adressieren und bestimmte Funktionalitäten der KI unterbinden.

Das heißt, umso wichtiger ist Medienerziehung. Was können Eltern tun, um die Medienkompetenz ihrer Kinder zu stärken?

Ganz wichtig ist, Medienerziehung als zusätzliches - wenn auch sehr herausforderndes - Erziehungsthema an- und wahrzunehmen. Das ist zugegebenermaßen nicht leicht, denn es kommt gefühlt jede Woche eine neue Herausforderung dazu.

Unsere Tipps:

  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind, zeigen Sie Interesse, lassen Sie sich zeigen, was Ihr Kind auf den sozialen Medien nutzt, vereinbaren Sie Regeln und achten Sie darauf, dass die Regeln möglichst auch eingehalten werden!
  • Klären Sie über Risiken der Online-Kommunikation auf, also Suchtgefahr, Cybermobbing etc. und problematische Inhalte! 
  • Schaffen Sie ein Bewusstsein für die Mechanismen der Online-Dienste! Erklären Sie, wie die Plattformen arbeiten, womit sie Geld verdienen und wie die Algorithmen funktionieren, die uns zum ständigen Weiterscrollen animieren.
  • Seien Sie Vorbild in der eigenen Mediennutzung! Greifen Sie nicht bei jeder Gelegenheit direkt wie selbstverständlich zum Handy. Legen Sie das Handy weg, wenn Sie miteinander Zeit verbringen, beim Essen, aber auch beispielsweise in Wartesituationen. Das ausdruckslose, abwesende Gesicht der Eltern, wenn sie gebannt auf ihr Smartphone schauen, kann insbesondere bei Kleinkindern emotionalen Stress verursachen.
  • Es wird mit großer Sicherheit Situationen geben, in denen Ihr Kind mit ungewünschten Inhalten konfrontiert wird. Bieten Sie Hilfe an, weisen Sie auf Beratungsangebote und Hilfestellen hin! Die wichtigsten sind , Telefonisch 116 111 und .
  • Nutzen Sie technische Schutzmaßnahmen! Ist technischer Jugendmedienschutz auf den Geräten eingerichtet, ist schon ein Teil der Gefahren abgedeckt. Einfache Anleitung zum Einstellen der Geräte finden Sie unter .

Vielen Dank für das Gespräch.

Tools und Hilfsangebote 

  • medien-kindersicher.de: informiert Eltern über technische Schutzlösungen für die Geräte, Dienste und Apps ihres Kindes mit neuem Chatbot zu Medien­fragen, der nur auf qualitativ hoch­wer­tige Medienkompe­tenz­angebote zurück­greift. 
  • klicksafe.de: Informationsmaterialien für Eltern, Schule, Kinder und Jugend­liche, Hilfsangebote bei Cybermobbing. 
  • flimmo.de: Ratgeber für Eltern von Kindern im Alter von drei bis 13 Jahren. Das Angebot bewertet Filme, Serien, Kinoprogramme, YouTube-Kanäle sowie Social-Media-Plattformen.
  • internet-abc.de: werbefreie Plattform, die Kindern von fünf bis 12 Jahren, Eltern und Lehrkräften den sicheren und spie­le­rischen Umgang mit dem Netz beibringt.