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Ludwigsburg setzt Zeichen: Gedenktag gegen geschlechtsspezifische Gewalt

18.02.2026

Ludwigsburg hat am 10. März 2025 bundesweit als erste Kommune einen Gedenktag für Opfer ge­schlechts­spezifischer Ge­walt einge­führt. Der Gedenk­tag fügt sich bewusst in den Zeitraum rund um den Internationalen Frauentag am 8. März ein und macht deutlich, dass die Rechte von Frauen untrennbar mit dem Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt verbunden sind. Warum dieser Schritt notwendig war, welche Wirkung er entfaltet und weshalb andere Städte nachziehen sollten, erklären Oberbürgermeister Dr. Matthias Knecht und Gleich­stellungsbeauftragte Dr. Kris­tina Wolff im Gespräch mit dem Luft­bal­lon.

Herr Dr. Knecht, Sie haben im letzten Jahr bundesweit als erstes einen Gedenktag für Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt eingeführt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Knecht: Das war ein Wunsch von Frau Dr. Wolff und mir, als wir uns Gedanken gemacht haben, welche Themen uns umtreiben. Das Thema geschlechtsspezifische Gewalt gegen Mädchen und Frauen wird gesellschaftlich deutlich zu wenig wahrgenommen, ist aber ein Riesenthema und ein Problem, das sichtbarer werden muss.
Es gibt natürlich gesetzliche Aufträge, etwa die Istanbul Konvention (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt, Anm. d. Red.), aber in der breiten Mitte der Gesellschaft fehlt die Wahrnehmung, die gebraucht wird, um politische Maßnahmen zu erkämpfen oder ein Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen.
Der Moment letztes Jahr auf dem Marktplatz, als Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, städtische Mitarbeitende und viele hundert Menschen aus der Gesellschaft dort standen und wir bundesweit wahrgenommen wurden, war etwas ganz Besonderes. Und damit war klar, dass wir dieses Thema sichtbar machen können.

Wolff: Gerade in der angespannten Finanzsituation der Kommunen ist so ein Gedenktag ein relativ einfaches Instrument: kostengünstig, schnell umsetzbar und erzielt eine große Reichweite. Deshalb laden wir andere Kommunen ein, das nachzumachen. Und wir freuen uns natürlich, dass wir damit bundesweit die ersten waren. Man muss aber auch anerkennen, dass andere Länder uns da weit voraus sind, Kanada hat den 6. Dezember als nationalen Gedenktag zu Gewalt gegen Frauen, der Kosovo hat den 17. April und in den USA gibt es seit 1981 den „Domestic Violence Awareness Month“.

Geschlechtsspezifische Gewalt wird oft als individuelles oder privates Problem wahrgenommen. Wird geschlechtsspezifische Gewalt in Ludwigsburg inzwischen anders gesehen?

Knecht: Die Zahlen häuslicher Gewalt steigen seit Jahren, gleichzeitig wird das Thema oft verschwiegen oder als Einzelproblem angesehen. Das ist es nicht. Wir haben ein hohes Bedürfnis, darauf aufmerksam zu machen. Und ich glaube schon, dass sich das Bewusstsein in Ludwigsburg gewandelt hat, auch durch Pressereaktionen, Vereine, Gemeinderat und Institutionen. Entwarnung bei den Zahlen gibt es aber noch nicht.

Wolff: Ja, die Zahlen sind erschreckend, auch für die Stadt Ludwigsburg. Da liegen wir im Zeitraum 2023 bis 2024 mit einer Zuwachsrate von über 30 Prozent über dem Landesschnitt, sowohl bei partnerschaftlicher als auch innerfamiliärer Gewalt. Dazu muss man sagen, Maßnahmen gegen Gewalt sind teuer, deshalb ist in den letzten Jahren viel liegen geblieben. Man kann auch nicht erwarten, dass eine Maßnahme allein alles ändert.
Daher ist der Gedenktag ein Baustein unter vielen, auch um Betroffenen Raum und Sichtbarkeit zu geben. Geschlechtsspezifische Gewalt umfasst viele Formen, von sexualisierter Gewalt über digitale Gewalt bis hin zu struktureller Benachteiligung.

Zur Person:

Dr. Kristina Wolff ist seit 2024 Gleichstellungs-beauftragte der Stadt Ludwigsburg. Sie schuf 2019 die erste Datenbank zu Femiziden in Deutschland. Ihr Schwerpunkt liegt in der Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Dr. Matthias Knecht ist seit 2019 Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg. Die Schwerpunkte des parteilosen Politikers liegen bei Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Bildung und Betreuung, Sicherheit, Ordnung sowie Integration und Inklusion.

 

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© Benjamin Stollenberg, Stadt Ludwigsburg

Es gibt wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer, oder?

Wolff: Absolut. Wir sprechen nur über das Hellfeld, die Dunkelziffer ist viel höher. Häusliche Gewalt verursacht enorme Kosten, etwa durch Polizeieinsätze, Folgeschäden und Belastungen der Sozialsysteme. Prävention ist auch ökonomisch sinnvoll.

Sie arbeiten mit der Opferschutz-Organisation Weißer Ring zusammen. Welche Unterstützungsangebote in Ludwigsburg können Familien nutzen, wenn sie Hilfe oder Beratung brauchen?

Wolff: Wir pflegen einen engen Kontakt zum Weißen Ring. Daneben gibt es mehrere Beratungs- und Interventionsstellen, geleitet vom Verein Frauen für Frauen, der außerdem Schutzräume für Frauen anbietet. Silberdistel e.V. berät bei sexualisierter Gewalt. Wir haben eine Sozialberatung für Gewaltausübende (Täterarbeit), Beratung durch Polizei, persönliche Beratung durch meine Kollegin Cynthia Schönau auf Landkreisebene oder durch mich für die Stadt Ludwigsburg. Darüber hinaus stellt das Land Baden-Württemberg mittlerweile vier sogenannter Gewaltambulanzen für verfahrensunabhängige Spurensicherung zur Verfügung.

Gibt es Zeichen im Alltag, bei denen Eltern oder Bezugs­personen aufmerksam werden sollten?

Wolff: Das ist eine Gratwanderung, nicht jedes Zeichen ist ein Beleg für Missbrauch oder Gewalt. Warnsignale können plötzliche Zurückgezogenheit, Apathie, Traurigkeit, auffällig bedeckende Kleidung (gerade  im Sommer), Leistungsabfall oder Wesensveränderungen sein. Auf Seiten der Gewaltausübenden sind Kontrolle, Isolation, Besitzansprüche, extreme Eifersucht, Herabsetzungen, explosive Ausbrüche, Entmündigung, Drohungen und Androhung von physischer Gewalt klare Alarmsignale.

Was würden Sie Eltern raten, um mit ihren Kindern altersgerecht über das Thema Gewalt zu sprechen?

Knecht: Eltern haben eine große Vorbildfunktion. Konflikte gehören dazu, wichtig ist, sie fair und gewaltfrei zu lösen. Wenn das nicht mehr gelingt, ist es notwendig, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, eine wichtige Hilfestellung für Familien, die alle Beteiligten schützt.

Herr Dr. Knecht, Sie laden andere Kommunen ausdrücklich zum Nachmachen ein. Was würden Sie Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sagen, die noch zögern, einen solchen Gedenktag einzuführen?

Knecht: Es sind die schrecklichen Zahlen, der gesetzliche Auftrag, beispielsweise aus der Istanbul-Konvention oder dem Grundgesetz und die Erfahrung, wie stark eine Stadtgesellschaft zusammenkommen kann. Also gibt es durchaus rechtliche und statistische Argumente, dann aber auch diese emotionale Überzeugung, dass man damit für die Stadtgesellschaft etwas Gutes auf den Weg bringen kann.

Was wünschen Sie sich, dass Familien  bzw. Besucher nach dem Gedenktag mit nach Hause nehmen?

Wolff: Mein Wunsch ist, dass möglichst viele Menschen und Entscheider kommen und den Impuls mitnehmen. Auch mit dem Verständnis, dass geschlechtsspezifische Gewalt unserer Gesellschaft insgesamt schadet. Das ist kein Nischenthema und kein Frauenthema, sondern greift unsere demokratischen Grundwerte an.

Knecht: Das kann ich nur bestärken und vielleicht noch ein Element hervorheben: Nehmt es mit in eure Familien, Vereine, Institutionen und Unternehmen. Macht es zu einem Mittelpunkt eures täglichen Lebens.

Der 10. März ist bewusst nahe am Gedenktag für Opfer terroristischer Gewalt gewählt (11. März). Welche Verbindung sehen Sie zwischen geschlechtsspezifischer Gewalt und gesellschaftlichen Extremen?

Knecht: Wir wollten einen klaren Fokus setzen. Uns war wichtig, klarzumachen, dass es hier um eine andere Zuspitzung geht: geschlechtsspezifische Gewalt, deren Auswirkungen wir als eine Form von Terror in der Gesellschaft erleben. Im Unterschied zu den zentralen Gleichstellungsthemen des 8. März, die sehr wichtig sind, wollten wir gezielt auf diese Gewaltform hinweisen.

Wolff: Das Bundeskriminalamt stellt im „Bundeslagebild Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“ fest, dass Gewalt gegen Frauen stärker ansteigt als Gewaltkriminalität insgesamt. Ein Erklärungsansatz liegt in der Ablehnung von Gleichberechtigung, verstärkt durch Hassbotschaften, Desinformation und extremistischer Ideologie, insbesondere in sozialen Medien. Diese Fehlwahrnehmung kann die Bereitschaft zu Gewalt erhöhen.

Liebe Frau Dr. Wolff, lieber Herr Dr. Knecht, wir bedanken uns für das interessante Gespräch.