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Kindern Grenzen setzen: Zwischen Mitbestimmung und Verantwortung

01.04.2024

Für Kinder ist es wichtig, in Entscheidungs­prozesse miteinbezogen zu werden. So fühlen sie sich von den Erwachsenen respektiert und lernen, eine eigene Meinung zu vertreten. Die Entscheidungen zu treffen und letztendlich auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, sollte aber bei den Eltern liegen.

„Sollen wir heute noch auf den Spielplatz gehen?“ fragt der Vater seinen Sprössling und ist sich vermutlich selbst nicht sicher, ob er Lust dazu hat, es sich zeitlich lohnt und auch das Wetter passt. Sein Sohn, der alleine nicht in der Lage ist, all diese Kriterien abzuwägen, hätte mehr davon, wenn sein Vater ihn in seine Überlegungen mit einbezieht und ihm erklärt, wie er letztendlich zu seiner Entscheidung kommt.

Recht zur Mitsprache

Nachdem unsere Erziehung früher von Autorität geprägt war, wo das „Machtwort“ der Eltern von Bedeutung war, haben Kinder heute, zuhause ebenso wie teilweise in der Kita und in den Schulen ein Mitspracherecht. Sie werden als Individuum ernst genommen und lernen ihre eigenen Gedanken und Ideen miteinzubringen. Doch wenn sie tatsächlich Entscheidungen treffen sollen, überfordern wir sie schnell. „Kinder wollen ihre Eltern groß“, betont Mathias Voelchert, denn selbst zu entscheiden, bedeute auch Verantwortung zu tragen, und die solle besser bei den Eltern bleiben, erklärt der Autor und Erziehungsberater.

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Sichere Bindung

Eltern ist es wichtig, eine gute Bindung zu ihren Kindern aufzubauen. Sie sollen wissen, dass sie ihren Eltern absolut vertrauen können, dass sie bedingungslos geliebt werden und so sein können, wie sie sind. Denn aus der Wissenschaft wissen wir, dass die Qualität der Bindung eine enorme Bedeutung und Auswirkung auf die kindliche Entwicklung, aber auch auf das weitere Leben des Menschen hat. Eine sichere Bindung wirkt sich nämlich nicht nur positiv auf das Erleben und die inneren Gefühle des Menschen aus, sie führt auch zu einer höheren psychischen Widerstandsfähigkeit, also Resilienz.

Darüber hinaus wurde beobachtet, dass Personen mit sicheren Bindungserfahrungen ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl und konstruktive Problem- und Konfliktlösefähigkeiten besitzen. Für die psychische Gesundheit und die Identitätsentwicklung ist eine sichere Bindung also eine wichtige Grundlage.

Regeln und Grenzen

Doch bedingungslose Liebe und Sicherheit bedeuten nicht unbedingt Gewähren lassen. „Der goldene Mittelweg ist ein bindungs-  und beziehungsorientiertes Miteinander, in dem Kinder die Freiheit haben, die Welt zu entdecken, und die Grenzen erfahren, die ihnen dabei Halt und Rahmen bieten und für ihre Gesundheit und Sicherheit Sorge tragen“, schreibt die Journalistin und Expertin für Familienthemen Nora Imlau in ihrem neuesten Buch „Meine Grenze ist dein Halt“.

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Doch Grenzen sollen nicht einfach Verbote sein, sondern ein bedürfnisorientiertes Familienleben ermöglichen. Imlau unterscheidet zwischen Grenzen zum Schutz der Kinder, die objektiv notwendig sind, und unseren persönlichen Grenzen. Damit die Kinder auch verstehen, warum solche Grenzen vertreten werden oder Regeln bestehen, hält sie es für angebracht, „den Sinn bestimmter Grenzziehungen kurz zu erklären – nicht in epischen Rechtfertigungsmonologen, sondern klar und prägnant“. Etwa „Mama und ich haben beschlossen, dass du diese Spritze bekommst, weil sie dich vor einer schlimmen Krankheit schützt“.

Frust und Wut

Natürlich kann es dennoch zu Widerstand kommen, weil das Kind die ihm gesetzte Grenze nicht akzeptieren möchte. Hier empfiehlt Imlau Absprachen auf Augenhöhe im Vorfeld, denn an solche Absprachen halten sich die Kinder in der Regel. Verkündeten Eltern ihre Entscheidung aber als Ansage, so komme es oft zur Frustration, weil die Kinder nicht das Gefühl bekämen, eine Wahlmöglichkeit zu haben, die ihnen erlaube mitzuentscheiden.

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Ein geregelter Alltag mit bestimmten Zeiten und Abläufen erleichtert es Kindern, auch die geltenden Grenzen zu akzeptieren. Sie verinnerlichen die Regeln und können sie leichter akzeptieren.

Natürlich reagieren und funktionieren nicht alle Kinder ähnlich, da ihre angeborenen Charakterzüge glücklicherweise sehr vielfältig sind. „Zwischen dem regulationsstarken und dem gefühlsstarken Wesen liegt ein breites Spektrum an Temperamenten, die alle von der individuellen Selbstregulationsfähigkeit, Erregbarkeit und Impulskontrolle des jeweiligen Kindes geprägt sind“, erklärt Imlau. Einem gefühlsstarken Kind fällt es darum deutlich schwerer, sich an Regeln zu halten und Grenzen zu akzeptieren.

Eltern sein

„Eltern sollten wie Leuchttürme sein: standhaft, friedvoll und klar“, beschrieb der Familientherapeut Jesper Juul die idealen Eltern. Doch um eine innerliche Klarheit auszustrahlen, sollten Eltern zunächst selbst genau wissen, was sie wollen: „Meine Kraft liegt in meiner Klarheit, nicht in meiner Überlegenheit“, betont Imlau darum. „Mein Stopp muss ein Stopp sein und mein Nein ein Nein, ohne dass ich dafür meine Stimme erheben müsste“, erklärt sie weiter.

Wichtig ist in jedem Fall, dass auch die Eltern ihre Grenzen kennen und, möglichst schon im Vorfeld, spüren, wenn sie an ihre Grenzen kommen. Denn bevor die Eltern dann ausrasten und die Situation damit noch hochschaukeln, sollten sie aus der Situation rausgehen, jeder mit den Mitteln, die ihm am liebsten sind. Manche verlassen den Raum für kurze Zeit, andere setzen sich Kopfhörer auf, um den Geräuschpegel zu dämmen, andere machen sich eine Tasse Kaffee oder Tee und gehen damit auf den Balkon. So können sie Kraft schöpfen und in Ruhe überlegen, wie sie auf ihr gefühlsstarkes Kind reagieren, ohne im Affekt Fehler zu begehen.

Grenzen und Pubertät

Absprachen mit Teenagern, denen ebenso Grenzen gesetzt werden sollten, um ihnen Halt in ihrem sozialen Umfeld zu geben, sind eine besondere Herausforderung für Eltern. Da ist es manches Mal gut, wenn es gesetzliche Regelungen gibt, wie beispielsweise wie lange sie abends unterwegs sein dürfen, an die sie sich halten müssen. „Wenn es eine Absprache gibt, dann muss ich sie natürlich auch kontrollieren und einfordern“, betont Malte Leyhausen. „Die Kinder haben ein Recht auf Grenzen. Bekommen sie diese Grenzen nicht gezogen, kann das, besonders in der Pubertät, auch als Desinteresse empfunden werden“, beobachtet der Autor und Familienberater.

Buchtipp

Nora Imlau: Meine Grenze ist dein Halt - Kindern liebevoll Stopp sagen. Beltz Verlag 2022, 194 Seiten, 20,- €, ISBN 978-3-407-86742-1

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