Inklusive Zahnmedizin in Baden-Württemberg stärkt Kinder mit Behinderungen

20.02.2026

Kinder mit Behinderungen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Erkrankungen der Zähne und des Zahnfleisches. Obwohl regelmäßige Vorsorge in vielen Familien selbstverständlich ist, zeigt sich beim Zugang zu einer geeigneten zahnärztlichen Behandlung häufig eine Hürde: Nicht jede Praxis verfügt über Erfahrung im Umgang mit besonderen Bedürfnissen, manche Räume sind nicht barrierefrei, und viele Eltern wissen schlicht nicht, an wen sie sich im Bedarfsfall wenden können. Baden-Württemberg baut seit Jahren diese Strukturen zielgerichtet aus.

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Bereits 2007 entwickelte die Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg ein landesweites Betreuungskonzept für die Zahn-, Mund- und Zahnersatzpflege von Menschen mit pflegerischem Unterstützungsbedarf – ein Ansatz, der bundesweit noch immer als wegweisend gilt. Ziel ist es, die Mundgesundheit und damit die Lebensqualität dieser Personengruppe zu verbessern und zugleich die zahnärztliche Betreuung in Pflegeeinrichtungen, mobilen Diensten und Praxen nachhaltig zu stärken. Seitdem werden Zahnärztinnen und Zahnärzte ebenso wie Praxisteams und Pflegekräfte geschult. Zentral ist dabei eine zahnärztliche Betreuung, die individuelle Fähigkeiten und Belastungsgrenzen berücksichtigt.

Zu denjenigen, die dieses Feld im Land maßgeblich weiterentwickeln, gehört Zahnärztin Sarah Gronwald, Referentin für inklusive Zahnmedizin bei der Landeszahnärztekammer. Sie beschreibt den Bedarf sehr klar: „Viele Eltern stehen vor denselben Fragen: Wer kann mein Kind behandeln? Wie bereiten wir den Termin vor? Und was passiert, wenn es im Behandlungszimmer nicht stabil bleibt? Für diese Familien braucht es verlässliche Unterstützung – schnell, verständlich und aus einer Hand.“

Beratungsstelle ZIMBA

Eine solche Unterstützung bietet seit Kurzem die digitale Beratungsstelle ZIMBA – Zahnärztliche Infostelle für Mundgesundheit bei Behinderung und im Alter. Die Plattform bündelt erstmals fundierte Informationen zur zahnärztlichen Versorgung von Menschen mit Behinderungen und richtet sich ausdrücklich auch an Eltern von Kindern und Jugendlichen. Angehörige, pädagogische Fachkräfte und zahnärztliche Teams finden dort Hinweise zu Behandlungswegen, rechtlichen Fragen und regionalen Versorgungsmöglichkeiten; zusätzlich steht eine telefonische Beratung zur Verfügung. Die Nachfrage wachse spürbar, berichtet Gronwald: „ZIMBA ist kein digitales Nachschlagewerk, das man nur im Notfall nutzt. Viele Familien rufen an, bevor ein Problem entsteht, weil sie ihre Kinder gut vorbereiten möchten. Genau das stärkt die Mundgesundheit langfristig.“

Recht auf angepasste Behandlung

Wie wichtig eine solche Anlaufstelle sein kann, zeigt das Beispiel einer Familie aus dem Großraum Stuttgart. Ihr achtjähriger Sohn lebt im Autismus-Spektrum, neue Situationen, laute Geräusche und körperliche Nähe überfordern ihn schnell. Mehrere Zahnarztbesuche mussten abgebrochen werden, bevor überhaupt eine Untersuchung möglich war. Erst über ZIMBA fand die Familie eine Praxis, die Erfahrung mit sensorisch empfindlichen Kindern besitzt. Dort gelang die Behandlung in mehreren kurzen Terminen. Gronwald sagt mit Blick auch auf solche Fälle: „Der Zugang zu Wissen verhindert im besten Fall Leid. Wir möchten vermeiden, dass Kinder Schmerzen haben, nur weil niemand weiß, wie man ihnen gerecht wird.“

Baden-Württemberg setze damit ein Zeichen, wie inklusive Zahnmedizin strukturell gedacht werden könne: nicht als Zusatzangebot, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Versorgung. Gronwald betont: „Jedes Kind hat ein Recht auf eine gute Mundgesundheit. Das gilt unabhängig davon, ob es sprechen kann, ob es ruhig im Behandlungsstuhl sitzt oder ob es eine komplexe Behinderung hat. Wir schaffen Strukturen, die dieses Recht einlösbar machen.“

In den kommenden Jahren soll die Beratung weiter ausgebaut, die Barrierefreiheit der Informationsangebote erhöht und der Wissenstransfer in die Ausbildung von Gesundheits- und Pflegeberufen vertieft werden. Für Familien wie jene aus Stuttgart bedeutet das vor allem Sicherheit: Sie wissen, dass Hilfe erreichbar ist, bevor ein akuter Notfall entsteht. Für die Kinder eröffnet es eine Perspektive, die so einfach klingt und doch oft mit Hürden verbunden ist – die Chance auf ein gesundes, schmerzfreies Aufwachsen.