Eine inklusive Gesellschaft ermöglicht jedem Menschen selbstbestimmte Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen, unabhängig von seinen Fähigkeiten, Herkunft, Beeinträchtigungen, Geschlecht oder anderen Merkmalen. Um diesen Weg der Chancengleichheit zu gehen, ist es wichtig inklusives Denken bereits im Kleinkindalter zu fördern. Die Stadt Stuttgart und einige Städte in der Region sind darum immer mehr bemüht in möglichst vielen Kindertageseinrichtungen ein inklusives Miteinander anzubieten.

Gemeinsames Spielen, Lernen und Teilhaben baut Barrieren ab und lässt erkennen, dass Vielfalt auch als Stärke gesehen werden kann. Einige Kitas im Land haben sich darum auf den Weg gemacht, die Chancengleichheit zu realisieren, indem sie offen für die individuelle Förderung jedes Kindes sind. Dies erfordert eine interdisziplinierte Teamarbeit, angepasste Strukturen und so manche Unterstützung wie Eingliederungshilfe oder Sozialraumbudgets.

Im Folgenden stellen wir eine Auswahl von Projekten vor, in denen der inklusive Kita-Alltag bereits erfolgreich gelebt wird.

Stuttgart: Kita für alle schaffen

Der Stadt Stuttgart ist Inklusion und Teilhabe von Kindern mit Behinderung schon seit Jahren ein besonderes Anliegen. Darum wird 2020 in ausgewählten Stuttgarter Kitas das Programm „Kita für alle“ erfolgreich umgesetzt. (Kita für alle und S-Plus Kitas: www.stuttgart.de/medien/ibs/stuttgarter-leitlinie-kita-fuer-alle-broschuere-bf.pdf)

Im Vorfeld hatten Eltern, Träger- und Einrichtungsvertreter sowie Fachkräfte der Frühförderung eine kommunale Leitlinie für dieses Projekt erarbeitet. „Es ist eine Leitlinie der Zukunft, die dafür sorgt, dass Schritt für Schritt alle Kinder und ihre Familien in allen Kitas bestmöglich gefördert und begleitet werden“, freut sich die Bürgermeisterin für Soziales und gesellschaftliche Integration, Dr. Alexandra Sußmann.

Ziel der Leitlinie ist, die inklusive Haltung, Öffnung und Weiterentwicklung von Einrichtungen zu unterstützen. Darum beinhaltet sie wichtige Punkte zur Grundhaltung der Stuttgarter Kitas und ihrer Träger und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch konkrete Maßnahmen, welche die Kooperation, Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie die passenden Rahmenbedingungen betreffen. „Schön ist, dass die Leitlinie nicht nur Ziele, sondern auch konkrete Maßnahmen enthält und so mit Leben gefüllt werden kann“, betont Isabel Fezer, die Bürgermeisterin für Jugend und Bildung der Landeshauptstadt Stuttgart.

Den Expertinnen und Experten, die an der Erstellung der Leitlinie beteiligt waren, war wohl bewusst, dass bestehende Rahmenbedingungen wie Personalbedarf oder räumliche Ausstattung eine gemeinsame Betreuung von Kindern mit und ohne Behinderung noch nicht in vollem Umfang zulassen. Doch nun ist es Aufgabe der Stadt Stuttgart und ihrer Arbeitsgruppe „Kita für alle”, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Kitas in Stuttgart die notwendige Unterstützung erhalten, um das Ziel der inklusiven Betreuung für alle Kinder zu erreichen.

Zunächst hatte die Stadt Stuttgart vier Jahre lang an sechs sogenannten „S-Plus Kitas“ Inklusionskräfte fest angestellt, die sich mit ihrem Fachwissen speziell um Kinder mit besonderem Förderbedarf kümmern konnten. Bildungsbürgermeisterin Fezer sieht für alle Kinder der S-Plus Kitas eine „Win-Win-Situation“: Hier bekämen Kinder mit besonderen Herausforderungen die Unterstützung, die sie benötigten, aber auch die Kinder, die solche Unterstützung nicht bräuchten, profitierten in verschiedener Hinsicht von dem Modell. Nachdem S-Plus sehr positiv evaluiert wurde, gibt es in Stuttgart seit Herbst 2025 sechs weitere Kitas mit fest angestellten Inklusions-Fachkräften.

Schon lange vor den Städtischen Einrichtungen hat sich die inklusive Kita der Lebenshilfe Stuttgart „Am Wallgraben“ in Stuttgart-Vaihingen bewährt. Neben den klassischen Erziehern und Erzieherinnen gib es dort auch Heilerziehungspfleger, Heilpädagoginnen und Ergotherapeuten im Haus. Von diesen speziellen Qualifikationen profitieren natürlich alle Kinder, die diese Kita besuchen, weshalb die Plätze dort auch sehr begehrt sind. (Kita der Lebenshilfe „Am Wallgraben“, StuttgartVaihingen: lebenshilfe-stuttgart.de/kita)

Ostfildern: Vorurteile abbauen

In Zusammenarbeit mit dem Institut Kinderwelten für diskriminierungskritische Bildung e.V. hat sich die Gemeinde Ostfildern auf den Weg zur Inklusion in Kitas gemacht. Der Berliner Verein unterstützt die Fachkräfte in Ostfildern mit seinem Angebot dabei, dass sie Vielfalt wertschätzen und Diskriminierung erkennen und bewusst entgegenwirken. Das inklusive Praxiskonzept, das Kinderwelten vermittelt, nennt sich „Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ und steht für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit in der Kitapraxis und in weiteren Bildungseinrichtungen.

Seit 2018 setzt die Gemeinde Ostfildern in all ihren städtischen Kindertageseinrichtungen, also in den Kitas und in der Schulkindbetreuung, diesen Ansatz um.

„Wir wollen die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Kinder in unseren Einrichtungen mit ihren Familien und auch den Mitarbeitenden willkommen heißen und tolerieren“, erklärt Pressesprecherin Tanja Eisbrenner. Inklusion in Ostfildern beschränke sich dabei nicht nur auf Menschen mit Behinderungen, sondern nehme auch Merkmale wie Hautfarbe, andere äußerliche Merkmale, Herkunft, Religion, sozial-ökonomischer Hintergrund und mehr in den Blick.

(Institut Kinderwelten für diskriminierungskritische Bildung e.V.: kinderwelten.net)

Um Inklusion umzusetzen, werden Fachkräfte in Ostfildern dazu weitergebildet, dass sie Kinder in ihren Identitäten bestärken, wozu auch die Anerkennung ihrer Familienkulturen gehört. Außerdem sollen in der Kita allen Kindern Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen ermöglicht werden, wodurch sie Empathie und Aufgeschlossenheit für Unterschiede entwickeln. Bereits Kleinkinder sollen in ihrer Wahrnehmung von unfairen Handlungen und Äußerungen unterstützt werden und damit zu kritischem Denken über Gerechtigkeit angeregt werden. Und sie sollen ermutigt werden, sich gegen unfaire Handlungen und Äußerungen zur Wehr zu setzen

Korntal-Münchingen: Förderbedarf willkommen

Seit 2023 gibt es in Korntal-Münchingen ein Inklusions-Projekt, mit dem die Stadt im Landkreis Ludwigsburg Familien ab der Geburt ihres behinderten Kindes unterstützen möchte. „Wir wollen eine Willkommenskultur schaffen, die auf verschiedenen Säulen beruht“, erklärt Jörg Henschke, der Sachgebietsleiter Familien, Senioren und Soziales. Für sie wurde die „Kommunale Begleitstelle für Inklusion in Kitas“ geschaffen, die im Korntal-Münchinger Kinder- und Familienzentrum SportNest der Sportplatz e.V. zu finden ist.

Hier wird geklärt, welches der individuelle Anspruch des Kindes ist und welche Kita-Einrichtung in Korntal-Münchingen die optimalen Voraussetzungen für dieses Kind bietet. Doch mit der Vermittlung eines Kita-Platzes ist es meist noch nicht getan. Das Korntal-Münchinger Netzwerk für Inklusion arbeitet auch mit weiteren Stellen aus Bildung, Sport und Musik zusammen, die ein inklusives Heranwachsen der Kinder ermöglichen.

Gemeinde Korntal-Münchingen: korntal-muenchingen.de/de/Leben-Lernen/Inklusion

Eltern gründen einen Verein

Im Jahre 2023 wurde auch der Stuttgarter Verein 0711 Bildung inklusiv e.V. von Eltern mit Kindern mit unterschiedlichem Förderbedarf gegründet.

Sie alle hatten die Erfahrung gemacht, dass besonders bei der inklusiven Beschulung die Strukturen in Stuttgart weder gefestigt, noch selbstverständlich sind. Um ein Kind inklusiv zu erziehen, ist ein hohes Maß an persönlichem Einsatz der Eltern erforderlich“, erklärt Caroline von Buol, eine der Vorständinnen des Vereins. Doch hierzu hätten nicht alle Eltern die Möglichkeit. „Mit der Gründung von 0711 Bildung inklusiv e.V. wollen wir erreichen, dass ein flächendeckendes Netz von verlässlichen inklusiven Kindergärten und Schulen aufgebaut wird und Eltern sich gut über ihre Möglichkeiten informieren können“, erläutert von Buol.

Der persönliche Austausch mit anderen Eltern spiele dabei eine bedeutende Rolle. Bei offenen Treffen des Vereins können Erfahrungen ausgetauscht und bereits bestehende Vernetzungen genutzt werden.

Für ebenso entscheidend halten die Vereinsmitglieder den Kontakt zu den für Inklusion zuständigen Stellen und Ämtern. „Aus diesem Grund haben wir im November 2025 gemeinsam mit dem Staatlichen Schulamt und der Stadt Stuttgart das erste Forum Inklusion Stuttgart organisiert“, betont von Buol.