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Geschlechtsidentität verstehen: Entwicklung, Gene und Gender bei Kindern

17.04.2026

Im Laufe seines Heranwachsens entwickelt der Mensch eine geschlechtliche Identität, die meist mit seinem biologischen Geschlecht in Einklang geht. Doch manchmal sind gerade Jugendliche, die sich in einer Phase der Selbstfindung bewegen, verunsichert, was ihre sexuelle Identität oder ihre sexuelle Orientierung betrifft. 

Die sexuelle Identität eines Menschen bezieht sich auf seine eigene Wahrnehmung, also zu welchem Geschlecht er sich selbst zugehörig fühlt. Sie ist nicht zu verwechseln mit seiner sexuellen Orientierung, die ihm sagt, welches Geschlecht oder welche Geschlechter ihn sexuell anziehen. 

Biologisches Geschlecht

Das biologische Geschlecht entwickelt sich während der Schwangerschaft durch ein Zusammenspiel von genetischen und hormonellen Prozessen. Aus der Kreuzung von Chromosomen entwickeln sich bei der Kombination von XX-Chromosomen weibliche, bei XY-Chromosomen männliche Geschlechtsmerkmale
Die sexuelle Identität eines Menschen entsteht dann im Laufe seines Heranwachsens aus einem Zusammenspiel von biologischen Anlagen, psychologischer Entwicklung und sozialen Umwelteinflüssen und ist meist im Laufe der Pubertät oder des frühen Erwachsenenalters voll ausgeprägt.

Frühe Geschlechtsidentität

Bereits in der frühen Kindheit, ab etwa zwei Jahren, entwickeln Kinder ein Bewusstsein für das Geschlecht von Personen in ihrem Umfeld. Natürlich sind Eltern und andere Familienmitglieder in diesem Alter wichtige Repräsentanten der Geschlechter und helfen ihnen, zwischen weiblichen und männlichen Personen zu differenzieren. Typische und für Kinder leicht zu erkennende geschlechtsspezifische Merkmale sind beispielsweise die Kleidung, Frisur oder Stimmlage einer Person. „Im Alter von zwei bis drei Jahren beginnen fast alle Kinder, ihrer Geschlechtsidentität Ausdruck zu verleihen, etwa mit der Wahl der Kleidung oder der Art, wie sie über sich selbst sprechen“, erklären Stephanie Brill und Rachel Pepper in ihrem Ratgeber „Wenn Kinder anders fühlen“. 
Mit zunehmendem Alter verstehen sie auch, welche Bedeutung es für sie hat, ein Mädchen oder ein Junge zu sein, und viele von ihnen spielen bereits im Vorschulalter geschlechtsspezifische Rollen, wie Braut und Bräutigam oder Mama und Papa. 
In dieser Entwicklungsphase erkennen Kinder auch, dass „das Geschlecht einer Person stabil ist, das heißt beispielweise ein Mann ist ein Mann, auch wenn er lange Haare hat oder einen Rock trägt“, so Brill und Pepper. 

Geschlechtsneutrale Pädagogik

In der Grundschulzeit verfestigt sich die Selbstwahrnehmung in Bezug auf das Geschlecht, und manche Kinder erleben bereits in diesem Alter eine fehlende Übereinstimmung mit ihrem biologischen Geschlecht. Eine genderneutrale Pädagogik mit klischeefreier Aufklärung der Schüler ist darum bereits in der Grundschule von nachhaltiger Bedeutung. 
Denn wenn sich Schüler in diesem Alter vorurteilsfrei mit dem eigenen Körper und Geschlechterrollen in der Gesellschaft auseinandersetzen dürfen, haben sie im pubertären Alter einen offeneren Umgang mit unterschiedlichen Ausprägungen sexueller Identität und sexueller Vorlieben, sei es bei sich selbst oder bei anderen.  „Die Kinder halten in der Regel weniger an geschlechts­typischen Rollen fest und definieren Geschlechterrollen weniger eng“, betont darum das Autorenteam.  

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Identität und Pubertät

Die Pubertät ist eine intensive Phase der Selbstfindung, in der sich viele Jugendliche ihrer geschlechtlichen Identität bewusst werden oder diese sogar hinterfragen. Dabei kann es natürlich zu Unsicherheiten kommen, doch nicht alle Unsicherheiten bezüglich des Geschlechts sind dauerhaft. Sollten sie sich verfestigen, erleben die Jugendlichen allerdings meist einen Leidensdruck. 
„Es ist nachvollziehbar, dass Leiden eintritt, wenn soziale und psychische Bedürfnisse aufgrund des fehlenden Einklangs unserer Geschlechtsidentität mit dem biologischen Geschlecht unerfüllbar bleiben“, erklärt Prof. Oliver Fricke, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Stuttgart. „Der Umstand, dass ein Mensch mit seiner Geschlechtsidentität und seinem biologischen Geschlecht nicht im Einklang ist, wird als Geschlechtsinkongruenz bezeichnet“, so Fricke. „Wenn daraus ein Leiden entsteht, so nennt sich dies Geschlechtsdysphorie“, erklärt der Psychiater weiter. 
Er betont jedoch, dass eine Geschlechts­inkongruenz ebenso wie eine Homosexualität keine Erkrankung sei. Bei den von ihm behandelten Jugendlichen mit einer Geschlechtsdysphorie bestehe die Herangehensweise nicht im Unterschied zwischen Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht, sondern im Leiden an der Diskrepanz zwischen beidem. 

„Hormonelle Faktoren spielen in der Pubertät relativ sicher keine Rolle in der Ausbildung der Geschlechtsidentität“, beobachtet Fricke. Wenn jedoch die Brüste wachsen oder die Stimme tiefer werde, kann sich der Körper in eine andere Richtung als das innere Geschlechtsempfinden entwickeln.
Meist stimmt aber das biologische Geschlecht, auch „sex“ genannt, mit dem sozialen Geschlecht („gender“) eines Menschen überein. Ist dies nicht der Fall und die Person fühlt sich nicht dem Geschlecht zugehörig, das sie biologisch ausgebildet hat, wird sie als „transgender“ bezeichnet.

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Höhere Anzahl an Fällen?

Dem Eindruck, der in den letzten Jahren aufgrund hoher medialer Aufmerksamkeit entstanden ist, dass es immer mehr Jugendliche gibt, die an einer Geschlechtsdysphorie leiden, widerspricht eine Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) zur „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“ eindeutig: „Die relativ ansteigenden Behandlungszahlen korrelieren mit der zunehmenden gesellschaftlichen Offenheit für transgeschlechtliche Lebenswege sowie der Verbesserung fachgerechter Versorgungsangebote“, steht hier. Außerdem wird betont, „dass sich die Zahlen medizinisch behandelter junger Menschen mit Geschlechtsinkongruenz absolut gesehen auf sehr niedrigem Niveau bewegen“.

Sexuelle Vorlieben

Ähnlich verhält es sich mit den sexuellen Vorlieben, die Jugendliche in der Pubertät entdecken.  Obwohl die sexuelle Orientierung als angeboren gilt, wird vielen Jugendlichen durch die körperlichen und hormonellen Veränderungen in dieser Phase erst bewusst, was Sex für sie bedeutet und zu welchen Menschen sie sich hingezogen fühlen. „Viele Jugendliche, die bei uns Rat suchen, wissen zunächst selbst nicht so richtig, was mit ihnen los ist“, berichtet Sebastian Heß von der Beratungsstelle für LGBTIQ+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex, Queer + weitere Identitäten) im Zentrum Weißenburg. Der Sozialarbeiter und Berater freut sich besonders, wenn junge Menschen den Weg in die Beratungsstelle finden. 
„Ich weiß selbst aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, in der Schule ausgegrenzt zu werden und einsam zu sein“, erinnert sich der bekennende Homosexuelle. Darum ist er der „beste“ Berater für Jugendliche, die ähnliche Erfahrungen machen. Aber oft kommen auch Eltern von Kindern im Grundschulalter in das Zentrum Weißenburg: „Es sind oft Eltern mit jüngeren Kindern, die sich an die Transgender-Beratung wenden, weil sie ihre Kinder bestmöglich in der Findung ihrer besonderen Geschlechtsidentität unterstützen möchten“, so Heß. Wichtig sei auch der Austausch mit anderen Eltern, die sich ähnlich um ihre Kinder sorgen, weshalb im Zentrum Weißenburg auch Gruppentreffen von Eltern und Kindern, gestaffelt nach dem Alter der Kinder, organisiert werden.  

Beratungsstelle für LGBTIQ +

  • Zentrum Weißenburg, Reinsburgstraße 82, S-West, Tel. 0711-400530-10, zentrum-weissenburg.de
    Die Beratungen sind vor Ort, telefonisch oder per Video-Anruf möglich. Sie sind kostenlos, vertraulich, auf Wunsch anonym und ohne Altersbegrenzung. Beraten werden auch Angehörige, Freundinnen und Freunde, Interessierte und Fachkräfte.
  • Leitlinie der zur Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter unter awmf.org

Buchtipp:

 

Stephanie Brill/ Rachel Pepper: Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht, Ernst Reinhardt Verlag 2024, 300 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-497-03148-1

 

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