Eine gestresst wirkende Frau mit Gesichts-Tuchmaske hält links ein Baby auf dem Arm, rechts Wäsche.
© iStock/ SementsofaLesia

Familienleben ohne Perfektion: Weniger Stress, mehr Selbstbestimmung

19.05.2026

Familienleben ist herausfordernd. Die Vereinbarung der unterschiedlichsten, nicht selten widersprüchlichen Bedürfnisse, der Berufsalltag und die Vielfalt der Eindrücke lösen bei Eltern nicht selten das Gefühl aus, im Alltag nur noch zu funktionieren. Momente der Selbstbestimmung sind rar, Fremdbestimmung dominiert.

Viele Eltern kämpfen mit ganz ähnlichen Herausforderungen. Mit Kindern, die mal besser, mal schlechter durchs Leben kommen, mit eingeschränkten Betreuungszeiten, Stress im Beruf oder mit Erwartungsdruck von außen. Manche Familien haben es noch schwerer als andere, wenn eine schwierige finanzielle Situation, psychische Probleme, Krankheit  oder Behinderung dazu kommen.

In den Medien oder im Austausch mit anderen Eltern entsteht oft der Eindruck, als würden andere den Spagat zwischen  beruflichen und familiären Anforderungen ohne Probleme hinbekommen, als komme es primär auf Perfektionismus und Engagement in der Familie an. Nach Ansicht der Autorinnen, deren Sichtweise wir im  Folgenden vorstellen, gehe es aber vielmehr um die innere Einstellung zum  Thema Familienleben und der Idee dazu, wie dieses auszusehen habe. Bei weniger Perfektionismus entstünden Freiräume, die man als Familien braucht, auch um die beruflichen Anforderungen meistern zu können.

Bindung ohne Burnout

Autorin Nora Imlau, inzwischen fünffache Mutter und Vertreterin der bindungsorientierten Elternschaft, schreibt in ihrem aktuellen Spiegel-Bestseller „Bindung ohne Burnout – Kinder zugewandt begleiten ohne auszubrennen“:

„Für eine sichere Bindung ist nahezu alles, was derzeit mit bindungsorientierter Elternschaft verbunden wird, komplett unnötig. Damit dein Kind und du miteinander sicher verbunden sein könnt, musst du es weder stillen noch tragen noch in deinem Bett schlafen lassen. Du musst es nicht mehrere Jahre allein zu Hause betreuen, du musst es nicht über einem Töpfchen abhalten oder mit Stoffwindeln wickeln, du musst es nicht einmal selbst zur Welt bringen.

Du musst keine speziellen Schuhe, Klamotten, Spielsachen oder Autositze kaufen, du musst keine Aromaöle nutzen, du musst keinen Brei selbst kochen und keine Beikost-Kekse backen. Du brauchst keinen Jahreszeitentisch und keine alternativmedizinische Kinderarztpraxis, keinen Montessori- und keinen Waldkindergarten. (…) Wichtig ist, dass dein Kind spürt: Da ist eine Person, die hat mich lieb und die ist für mich da, auch wenn ich Mist baue.“

Mut zum Unperfektsein

Es komme wenig darauf an, so Imlau, unsere Kinder immer glücklich zu machen oder alles für dieselben zu tun bis hin zur Selbstaufgabe. Viel wichtiger sei die innere Einstellung, unser Menschenbild und das Füreinander-Dasein. Auch aus unperfekten Bedingungen könne eine sichere Bindung entstehen, wenn unser Kind spürt, dass wir es begleiten, auch in schwierigen Momenten. Wichtig seien Eigenschaften wie bewusstes Handeln, dass wir in emotional aufwühlenden oder belastenden Momenten nicht dem ersten Handlungsimpuls folgen, sondern erst einmal durchatmen und uns auf unsere Werte und Liebe zum Kind besinnen.

© pexels/ GustavoFring

Auch Ambiguitätstoleranz sei wichtig. Damit ist gemeint, dass wir es aushalten, wenn wir bei all der Abwägung unterschiedlicher Bedürfnisse auch einmal falsch entscheiden. Unangenehme Wahrheiten wie die Tatsache, dass wir unsere Kinder kaum großkriegen werden, ohne ihnen seelische Verletzungen zuzufügen, müssten wir aushalten. Letzten Endes gehe es um die Grundhaltung und weniger um den einzelnen Moment. Bindung sei zudem ein dynamischer Prozess. So könne die Bindungssicherheit in Nuancen schwanken und vielleicht auch mal in eine unsichere Phase kippen. Das heiße nicht, dass wir die Bindungssicherheit nicht wiederherstellen könnten.

Selbstfürsorge

Damit wir diese positive Grundhaltung leben können, sei es wichtig, auch die eigenen Bedürfnisse zu kennen und nicht permanent über die eigenen Ressourcen hinaus zu gehen. Die Autorin stellt ein Modell der Energie-Ampel vor. Eltern sollten sich jeden Tag die Frage nach dem aktuellen Befinden stellen und die Tagesplanung und Ansprüche an sich selbst daran orientieren.

Fühle sich die Autorin rundum wohl und erholt, stehe ihre Ampel im grünen Bereich. Gelb bedeute eine gewisse Erschöpfung, die aber mit einer emotionalen Stabilität und einigen Ressourcen einherginge. Würden diese weiter schwinden, bewege sich die Ampel in den orangenen Bereich. Bei Rot seien alle Energiereserven aufgebraucht und die Nerven zum Zerreißen gespannt.

Als Beispiel für den Umgang mit der Erkenntnis nutzt Imlau die Snackboxen für den Kindergarten oder die Schule: Wenn sie sich im grünen Bereich befinde, habe sie Spaß an der Gestaltung der Mahlzeit. Im orangenen Bereich fahre sie auf dem Weg zur Betreuungseinrichtung beim Bäcker vorbei, um möglichst das Abrutschen in den roten Bereich zu verhindern.

Weg von der Optimierung, weg vom schlechten Gewissen

Es ist laut Imlau auch erlaubt, in manchen Bereichen das Leben etwas lockerer zu sehen. So schade der Medienkonsum Kindern, die sonst ein ausgefülltes Leben haben, nicht sonderlich, auch wenn er zur eigenen Entlastung an einzelnen Tagen exzessiv sei. Von der Einholung eines schlechten Gewissens durch das regelmäßige Checken von Instagram-Kanälen von Menschen, denen die bindungsorientierte Elternschaft ganz leicht von der Hand geht, rät die Autorin ab, ebenso auch von der permanenten Lektüre von Erziehungsratgebern.

Wer ständig auf der Suche nach Selbstoptimierung sei, verliere unter Umständen den Draht zum Kind. Kinder würden vor allem Eltern brauchen, die nicht ständig im orange-roten Energiebereich herumkrebsen, weil sie so ausgebrannt, erschöpft und unzufrieden sind.

Vom Müssen zum Wollen

Auch Inke Hummel, Pädagogin, Erfolgsautorin und Familiencoach hat aus ihren Erkenntnissen aus der Familienberatung ein Buch geschrieben, das Familien das Leben erleichtern soll. In „Vom Müssen zum Wollen – Wenn du als Elternteil nur noch funktionierst – Dein Coaching für einen selbstbestimmten Familienalltag“ geht es primär um die Frage, wie Eltern durch eine Veränderung ihrer inneren Einstellung ihren Alltag leichter bewältigen können. Für Hummel dreht es sich vor allem um drei Begriffe: Fremdbestimmung, Erwartungshaltung und Verantwortung.

© pexels/ GustavoFring

Weg von der Fremdbestimmung

„Viele Eltern fühlen sich, sobald sie ein Kind bekommen haben, fremdbestimmt. Dieses Gefühl, vieles nicht beeinflussen zu können, macht psychisch etwas mit uns,“ so Hummel. Eine Veränderung der Denkweise, dem eigenen Stresssystem, dem eigenen Blickwinkel und den eigenen Gefühlen ändere freilich nicht unbedingt die äußeren Umstände, aber sie gebe uns ein Gefühl der Selbstbestimmung und Stärke zurück.

Es fühle sich im Alltag deutlich besser an, wenn wir uns in manchen Situationen bewusst machen würden, dass wir als Erwachsene die Verantwortung hätten. Nur so würden wir dem Gefühl der Fremdbestimmung entkommen und ins Handeln zurück gelangen. Allein die Erkenntnis, dass das Kind nicht an der Hilflosigkeit schuld ist, die uns zum Schreien veranlasst, um die Kontrolle zurückzugewinnen, sondern das Gefühl der Fremdbestimmung, könnte uns in manchen Momenten das Leben erleichtern.

Als Beispiel erzählt Hummel von einem Kleinkind, das nicht gewickelt werden möchte und deshalb vor uns wegrennt. Rennen wir hinterher, weil das Kind trotzdem gewickelt werden muss, kommen wir uns blöd vor. Zielführend ist die Reaktion aller Wahrscheinlichkeit zudem auch nicht. Gerade in einem solchen Moment sei es wichtig, als Erwachsener wieder die Kontrolle zu erlangen und zwar ohne laut zu werden oder Gewalt anzuwenden. Egal, ob wir in einem solchen Moment den Raum verlassen oder uns auf den Boden legen: Wichtig sei, den vermeintlichen Teufelskreis durch eigenes bewusstes Handeln zu durchbrechen. So entscheide man selbst über die Situation und unterwirft sich nicht der Fremdbestimmung. Und vielleicht lasse sich das Kind dann schließlich auch wickeln.

Weg von der Erwartungshaltung

Wichtig sei in allen Bereichen unseres Lebens unsere Erwartungshaltung zu hinterfragen. Kinder kommen mit einer Persönlichkeit zur Welt, und wir können als Eltern längst nicht alles beeinflussen. Es gebe Eltern, so die Autorin, die morgens „zwanzig tolle Dinge“ machen würden, damit das Kind in die Kita geht. Letzten Endes könne es aber durchaus sein, dass das Kind morgens nicht gerne Übergänge mag – unabhängig vom Verhalten der Eltern. Wenn man das wisse, könne man sich an dieser Stelle den Stress ersparen.

Buchtipps:

 

  • Nora Imlau: Bindung ohne Burnout. Kinder zugewandt begleiten ohne auszubrennen, Beltz-Verlag 2024, 22 Euro, ISBN 978-3-407-86811-4.

 

 

  • Inke Hummel: Vom Müssen zum Wollen, Wenn du als Elternteil nur noch funktionierst. Dein Coaching für einen selbstbe­stimm­ten Familienalltag, Humboldt-Verlag 2025, 22 Euro, ISBN 978-3-8426-1762-9.

 

© Beltz Verlag
© Humboldt Verlag