Wenn morgens die Tore der Wilhelma öffnen, hat der Arbeitstag für die Tierärzte oft längst begonnen. Noch bevor die ersten Besuchenden den Zoologisch-Botanischen Garten betreten, sind Visiten, Befundbesprechungen und erste Behandlungen im Gange. Im Rahmen unserer Reihe „Luftballon blickt hinter die Kulissen der Wilhelma“ starten wir heute mit dem Thema „Tierärzte".

Im Einsatz für Nashorn, Ameise und Co.

Der Beruf des Zootierarztes ist vielseitig – und verlangt weit mehr als medizinisches Können und eine lange Ausbildung. Nach dem Abitur muss man zuerst Tierarzt werden. Elf Semester an einer Hochschule oder Universität sind dafür nötig. Im Anschluss bildet man sich mindestens weitere vier Jahre bei einem erfahrenen Kollegen fort um Fachtierarzt für Zoo- und Wildtiere zu werden.

Die Wilhelma hat die Weiterbildungsermächtigung für den Fachtierarzt. Und eine Doktorarbeit oben drauf kann auch nicht schaden, damit man nachweisen kann, dass man auch wissenschaftlich arbeiten kann. Aber am wichtigsten neben dieser langwierigen und schwierigen Ausbildung ist es, dass man gut Blasrohr schießen kann. Denn nur damit können große Tiere für Untersuchungen betäubt werden.

Der leitende Tierarzt Dr. Knauf-Witzens und sein Schützling - das Panzernashorn Bruno.

Blasrohr schießen ist wichtig

„Kein Tag ist wie der andere“, sagt Dr. Tobias Knauf-Witzens, leitender Tierarzt der Wilhelma.

Neben ihm selbst besteht sein Team aktuell aus einer weiteren Fachtierärztin sowie einer veterinärmedizinisch-technischen Assistentin, die vor allem für die Laborarbeit zuständig ist. Zusätzliche Unterstützung gibt es derzeit durch zwei Tierärzte, die im Rahmen ihrer Weiterbildung zum Fachtierarzt in der Wilhelma im Einsatz sind.

Der Arbeitsalltag beginnt mit der morgendlichen Lagebesprechung. Tierpflegerinnen und -pfleger berichten von Auffälligkeiten, Futteraufnahme oder Verhaltensänderungen. Diese enge Zusammenarbeit ist entscheidend. „Die Pflegenden kennen ihre Tiere am besten“, betont Knauf-Witzens. Veränderungen werden früh erkannt – ein Vorteil, der in der Zootiermedizin Leben retten kann. Denn Zootiere zeigen wie Wildtiere erst sehr spät Krankheitsanzeichen. Der Zootierarzt kommt immer zu spät.“

Wenn die Tiere optimal ernährt und richtig gehalten werden, hat der Tierarzt wenig zu tun. Die Arbeit hat vor allen Dingen vorbeugenden Charakter: Impfprogramme, Parasitenkontrollen und regelmäßige Gesundheitschecks gehören zum Standard.

Ziel ist nicht die Behandlung, sondern die langfristige Gesunderhaltung der Bestände.

Tierarzt als Hausarzt

Der Tierarzt im Zoo ist vergleichbar mit einem Hausarzt: Niemand kennt seine Patientinnen und Patienten besser als er. Bei verschiedenen Fragestellungen muss er aber Expertise von Spezialisten einholen.

Diagnostik im Zoo bedeutet Improvisation und Präzision zugleich. Ein Nashorn lässt sich nicht einfach in eine Praxis führen. Viele Untersuchungen erfolgen daher unter Narkose, geplant bis ins Detail. Im Zuge solcher Untersuchungen werden regelmäßig Blut-, Gewebe-, Haar- oder Federproben entnommen. Deren Analyse dient der konkreten Therapieentscheidung.

Eine besondere Herausforderung bleibt die Artenvielfalt. In der Wilhelma werden mehrere Tausend Tiere aus hunderten Arten betreut. Von der Ameise bis zum Elefanten unterscheiden sich Anatomie, Stoffwechsel und Krankheitsbilder erheblich. „Wir sind spezialisierte Generalisten“, beschreibt Knauf-Witzens die Rolle seines Berufsstands. Spezialisiert, weil sich die Arbeit auf exotische Wildtiere konzentriert. Generalisten, weil das Spektrum der zu behandelnden Arten außergewöhnlich breit ist und nahezu jedes Organsystem betreffen kann.

Die eigentliche Arbeit der Tierärztinnen und Tierärzte in der Wilhelma bleibt meist im Hintergrund. Besucherinnen und Besucher erleben in der Regel nur das sichtbare Ergebnis: vitale Tiere in naturnah gestalteten Anlagen. Doch hinter den Kulissen arbeiten Fachleute mit hoher Spezialisierung, moderner Labortechnik und viel Erfahrung.