Schwangerschaft

Schwangerschaft und Corona

Welche Auswirkungen hat das Virus auf Schwangerschaft und Geburt?

Die Entwicklungen in der letzten Zeit waren sehr dynamisch, beinahe jeden Tag wurden weitere Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung der Covid19-Infektionen zu verlangsamen. In Italien sterben täglich Hunderte von Menschen, die nicht von ihren Angehörigen begleitet werden dürfen. Wegen dieser drastischen Entwicklungen habe ich mir die Frage gestellt, inwiefern sich solche Sicherheitsvorkehrungen auch auf den Ablauf der Geburt auswirken? Und gehören Schwangere eigentlich zur Risikogruppe?

In der letzten Zeit stehe ich in regem Austausch mit meiner Cousine, die in den USA lebt. Sie erwartet in sechs Wochen ein Baby und sorgt sich nun, dass ihr Partner nicht bei der Geburt dabei sein kann. Im Übrigen befürchtet sie, dass ihr Neugeborenes von ihr isoliert werden könnte, sollte sie von dem Virus infiziert werden - eine Maßnahme, die psychologisch betrachtet meines Erachtens ans Unzumutbare grenzt. Wie ist die aktuelle Situation in Deutschland? Sind derartige Befürchtungen begründet oder sind sie vielmehr Ergebnis der durch die Medien verbreiteten Panik?

Keine Risikopatienten

Momentan scheint es unbegründet, sich in Anbetracht der Ausbreitung des Virus über den Schwangerschaftsverlauf oder die Geburt allzu sehr zu sorgen. Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Schwangere nicht zur Risikogruppe gehören. Die Datenlage ist zugegebenermaßen dünn, da die COVID-19-Pandemie noch recht jung ist. Jedoch publizierte das Ärzteblatt am 20.März einen Artikel, in dem erste Studien mit Schwangeren aus Wuhan ausgewertet werden. Diese würden annehmen lassen, dass eine Corona-Infektion bei Schwangeren überraschend günstig verlaufen würde, obwohl das Immunsystem bei Schwangeren grundsätzlich geschwächt sei. Es gebe bisher darüber hinaus keine Hinweise darauf, dass sich der Fötus schon im Mutterleib infizieren würde, sollte die Mutter erkrankt sein. Eine absolute Sicherheit besteht aufgrund der schlechten Datenlage allerdings nicht.

Kaiserschnitt bei Infizierten?

Ob wegen der Vermeidung einer Übertragung des Virus über die Geburtswege bei einer natürlichen Geburt ein Kaiserschnitt indiziert wäre, wird nach dem genannten Artikel im Ärzteblatt in der Fachwelt unterschiedlich beurteilt. Während Ärzte des Imperial College in London in einem umfassenden Review zum Thema mitteilen würden, dass ein Kaiserschnitt bei nachweislich infizierten Schwangeren günstig sein könnte, sieht die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) keine Indikation für einen Kaiserschnitt wegen COVID-19. Die Londoner Ärzte berufen sich bei ihrer Annahme auf die Tatsache, dass Corona-infizierte Schwangere zu einer späten Frühgeburt neigen würden. Für Frühgeborene sei der Kaiserschnitt womöglich risikoärmer.

Für Dr. med. Frank Louwen, Vizepräsident der DGGG, stellt eine Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 keine Indikation für einen Kaiserschnitt dar. Dies betont er in einem Artikel in der Ärztezeitung. Er beruft sich dabei auch auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese empfiehlt, die Art der Geburt mit betroffenen Schwangeren abzustimmen und Kaiserschnitte nur in medizinisch begründeten Fällen durchzuführen. Dr. med. Louwen warnt darüber hinaus vor Eingriffen in die natürliche Geburt, die in Kliniken in der aktuellen Situation vermehrt aus organisatorischen Gründen durchgeführt werden könnten. Damit meint er Kaiserschnitte oder die vorzeitige Auslösung der Geburt durch eine Einleitung. Er befürchtet, dass solche Maßnahmen nicht die Kapazität einer Klinik erhöhen würden, sondern im Gegenteil im Extremfall sogar zu einer Blockierung von Intensivbetten führen könnten. Normalerweise seien die Komplikationen unter der Geburt bei einem natürlichen Verlauf niedriger.

Richtlinien für die Kreißsäle

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die DGGG eine Empfehlung zum Umgang mit Corona-infizierten Schwangeren im Kreißsaal. Diese Empfehlung beinhaltet weder den Ausschluss des Partners von der Geburt noch legt sie die Isolation von einem Neugeborenen von der infizierten Mutter nahe. Sie hebt stattdessen hervor, dass das Bonding und Stillen nach der Geburt, sofern gesundheitlich möglich, auch bei infizierten Frauen eine wichtige Rolle spiele. Zudem informiert sie über mögliche Vorkehrungsmaßnahmen, um die Infektion nicht im Kreißsaal weiterzugeben und das Neugeborene zu schützen. So empfiehlt sie nachweislich infizierten Müttern (oder auch sogenannten Verdachtsfällen) im Beisein des Kindes einen Mundschutz zu tragen.

Trotzdem scheint es in einzelnen Kliniken bereits so gehandhabt zu werden, dass keine Begleitpersonen, nicht einmal der Vater des Kindes, noch bei der Geburt zugelassen sind. Vor allem die Bundeselterninitiative Motherhood e.V. wendet sich gegen diese Vorgabe. Auch sie beruft sich auf die Richtlinien der WHO, die eine Begleitperson unter der Geburt ausdrücklich befürworten würde. Es gibt inzwischen auch einige Hebammen, die restriktive Kliniken nachdrücklich auffordern, eine Begleitperson zuzulassen, zumal im Kreißsaal in den seltensten Fällen kontinuierlich eine eins zu eins Betreuung der Schwangeren gewährleistet ist.

Motherhood e.V. erkennt jedoch die Notwendigkeit gewisser Einschränkungen an, beispielsweise dass die begleitende Person nicht wechseln und möglichst nicht den Kreißsaal verlassen darf. Der Verein appelliert außerdem an die Einhaltung der Hygienevorschriften der Klinik. Das Klinikpersonal müsse außerdem über eine (mögliche) Corona-Infektion vor dem Eintreffen in die Klinik informiert werden, damit gegebenenfalls Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden können. Besuche auf der Wochenbettstation sind gegenwärtig nur sehr eingeschränkt möglich. Motherhood e.V. weist im übrigen auch ausdrücklich darauf hin, dass ein erzwungener Kaiserschnitt und die Trennung der Mutter vom Neugeborenen nicht zulässig sind.

Mehr Hausgeburten?

Eine interessante Frage unter anderen ist, ob sich die Corona-Krise nachhaltig auf die Geburtshilfe auswirken wird. Denkbar ist ein Anstieg der Nachfrage nach Hausgeburten oder der Unterlassung von (nicht medizinisch indizierten) Eingriffen in die natürliche Geburt. Momentan gibt es dazu noch keine Studien. Allerdings ist zu vermuten, dass sich das Virus nicht nur negativ auf die Geburtshilfe auswirken könnte.

von Isabelle Steinmill

> Hinweise für Schwangere vom Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF) und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG).

> Die vom DGGG herausgegebenen Empfehlungen für die Behandlung von COVID-19-Patienten im Kreißsaal.

> Hinweise im Ärzteblatt für die Auswirkungen auf Schwangerschaft und Geburt.

> Artikel, dass Corona keine Kaiserschnitte ohne medizinische Indikation rechtfertigt.

> Auch die Bundeselterninitiative Motherhood e.V. äußert sich zum Thema.

> Auch der Hebammenverband hat Informationen zum Thema veröffentlicht.

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