Die Hexe Schrumpeldei

Teil zwei unserer Serie „Leben mit einem behinderten Kind“

Abstraktes Denken ist bei Kindern mit Down-Syn­drom eine Katastrophe, sie kompensieren diese Schwäche oft mit einem sehr guten optischen Denkvermögen. Hierzu folgende Geschichte: Es war einmal vor langer Zeit, da kamen meine Frau und ich auf die glorreiche Idee, gemeinsam mit unseren drei kleinen Kindern im Alter von sechs, fünf und anderthalb Jahren einen Urlaub im Schnee verbringen zu wollen. Während der eine vormittags Ski fuhr, durfte der andere auf der Bergstation die Kinder bespaßen, nachmittags dann umgekehrt. Die Kids freuten sich schon auf Schnee­männer bauen, im Schnee rumrutschen und Schneeball werfen. In der Theorie alles genial durchdacht, in der Praxis ein völliges Desaster.
Mit uns in der Gondel waren drei ältere Damen, die auf der Sonnenterrasse gleich neben unserem auserwählten Schneeberg die Sonnen­liegen zurecht rückten - warm eingepackt in teure Pelzmäntel, Tiroler Nussöl im Gesicht und jede ein buntes Kopftuch auf. Um es kurz zu machen, der Vormittag verlief im absoluten Chaos, der Vater war komplett überfordert, der Kleine schrie nach seiner Mama, die Mittlere wollte nur noch heim, während sie der Große mit Schneebällen bewarf. Und dazu noch die Mienen der drei älteren Damen, die von Minute zu Minute grimmiger wurden.
Sie ahnen schon, wie es kommen musste. Als dann unser sechsjähriger Sohn Daniel (Down-Syndrom, ausführ­licher Bericht in der Juli-Ausgabe vom Luft­ballon) auch noch über eine der Sonnen­liegen stolperte, konnte sich eine der drei Damen die Bemerkung „Verzogener Rotz­löffel“ nicht verkneifen. Daniel ging zu ihr hin, gab ihr die Hand und sagte „Hallo, ich bin der Daniel und du bist bestimmt die Hexe Schrumpeldei“.

von Thomas Bökle

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Daniels Lieblings-Schallplatte im Alter zwischen vier und sieben Jahren.

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