Von Walfischgräte und Geheimgang

Unser Ausflug führt uns dieses Mal zum Schloss Solitude, dem Jagd- und Lustschloss von Herzog Carl Eugen, das wild-romantisch in den Wäldern des  Stuttgarter Westens liegt. Bei der Familienführung ‚Im Dienste der Herzogin‘ erfahren wir so allerhand über die höfischen Gepflogenheiten im 18. Jahrhundert.

Wir starten vom Stuttgarter Feuersee und düsen mit der Buslinie 92 bis zur Haltestelle Solitude. Im kleinen Souvenirzimmer entdecken die Kinder bunte, hübsche Fächer. Schon erfahren wir die erste interessante Geschichte. Früher hat es nämlich eine richtige Fächersprache gegeben. Eine Geheimsprache, um sich beispielsweise zu verabreden. Hat die Dame dem Herren eine bestimmte Anzahl der Fächerstäbe gezeigt, hat sie damit die Uhrzeit für ein gemeinsames Rendezvous signalisiert. Hat die Dame den Fächer allerdings mit ihrer rechten Hand flattern lassen, gehörte ihre Liebe bereits einem anderen...

Das Geheimnis der Wespentaille
Gleich zu Beginn unserer Führung fragt die Referentin vom Team Museumspädagogik, Heike Reinöhl, wozu die eleganten Fächer wohl noch benutzt worden sind? Richtig, zum sich frische Luft zuzufächern. „Aber auch um die schwarzen Zähne zu ver­bergen. Die Herrschaften hatten damals nämlich alle sehr schlechte Zähne“, lacht Reinöhl. Ein vielstimmiges „iiiihhh“ raunt durch die Hallen. Wir betreten einen kleinen Raum, in dem Kostüme hängen und Produkte für die Schönheitspflege stehen. Hier lüften die Kinder das Geheimnis um die Wespentaille. Denn dafür zwängten sich die Frauen in ein Korsett aus Walfischgräten. Und nicht nur die Frauen, auch Mädchen ab drei Jahren wurden mit Korsett gekleidet. „Das war gar nicht angenehm“, erklärt Reinöhl, „denn die Rippen haben sich durch das Korsett verformt, das Essen war schwierig und schon das Hinsetzen hat weh getan.“ „Die armen Kinder“, flüstert ein Mädchen. Spaßig allerdings finden alle die Unterröcke, die tiefe Geheimtaschen für Kosmetik und Tücher haben und anprobiert werden dürfen.

Ein Gang voller Stühle
Wir wandeln durch das elegante Schlösschen. Im Schlafgemach stoßen wir auf ein weiteres Rätsel. Da verbirgt sich ein winziger Geheimgang hinter dem Kamin. Unglaublich die Antwort, wofür er gebaut wurde. Denn kleine Kinder mussten die Kohle nachlegen und damit sie die Herrschaften nicht störten, mussten sie durch den Gang direkt zum Feuer kriechen... „Das ist aber richtig gemein“, finden wir alle. Glanzpunkt ist der prachtvolle Weiße Ballsaal. Hier wurde getanzt, gelacht und sich vergnügt. „Aber wo sind denn die Toiletten?“ „Wisst ihr, woher das Wort Stuhlgang kommt? Hier im Gang standen viele Stühle mit Topf, da saßen die Herrschaften nebeneinander, plauderten und verrichteten ihr Geschäft“, schmunzelt Reinöhl. Das nächste „iiiihhhh“ ertönt einstimmig. Und einstimmig ist die Meinung, dass die Reise in die Vergangenheit „mal so richtig spannend“ war. Als wir das Schloss verlassen und ins Sonnenlicht treten, freuen sich die Kinder dennoch sehr auf ein dickes, neuzeitliches Eis im kleinen Café gegenüber.

Zusatztipp: Wanderung nach Weilimdorf. Vom Schloss zurück Richtung Straße entdeckt man einen kleinen, verwunschenen Friedhof. Gegenüber beginnt ein Waldweg, der nach ein paar Metern links  Richtung Lindenbachtal/Weilimdorf abbiegt. Es gibt viel zu entdecken: die Reste der „Burg Dischingen“, Bergmammutbäume und Hasenbrünnele. Im Tal angekommen, läuft man geradeaus am Lindenbach entlang bis zur Stadtbahn-Haltestelle Landauer Straße.
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von Tina Bähring

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Solitude Anprobe